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Wald von A(stholz) bis Z(emmgrund) – Tiroler Naturführerkurs 2021 im Naturpark Zillertaler Alpen

Im zweiten Modul des Tiroler Naturführerkurses 2021 (3.-6. Juni) steht der Wald im Mittelpunkt unserer Auseinandersetzung. Obwohl der Hochgebirgs-Naturpark Zillertaler Alpen, wie der Name schon andeutet, vor allem wegen seiner Hochgebirgslagen und Gletscher weithin bekannt ist, haben wir hier auch zur Beschäftigung mit dem Lebensraum Wald ein tolles Ambiente gefunden. Vom Eingang des Zillertals bis hoch in den Zemmgrund hinter Ginzling sind die Standorte für die einzelnen Einheiten so ausgewählt worden, dass die für den Alpenraum typischen Höhenstufen der Waldvegetation allesamt präsent sind. Nur was die Wald- und Baumgrenze betrifft, begnügen wir uns vorerst mit dem Blick durchs Fernglas. Im letzten Modul der Ausbildung werden wir uns auch diese Höhenstufe noch erwandern. Wir residieren im Breitlahner am Eingang des Zemmgrunds in der von Fichten dominierten Bergwaldstufe – auf halber Höhe sozusagen zwischen den Auwaldresten des Inntals und der Zirben-Waldgrenze des Alpenhauptkamms.

Pilzexperte Eberhard Steiner

Bergsturzwald nahe der Klausenalm

Kein Lebensraum eignet sich so gut zur Verdeutlichung und direkten Beobachtung der Kreisläufe des Lebens wie der Wald. Auf engstem Raum treffen zumindest in naturnahen Wäldern Geburt und Tod, Wachstum und Sterben, Zersetzung und Erneuerung aufeinander. Pilze spielen eine bedeutende Rolle in diesen Stoff- und Energiekreisläufen. Während wenige bekannte Speisepilze wie Steinpilz und Pfifferling sich großer Bekanntheit erfreuen, und einige Arten wie der giftige Fliegenpilz oder der potentiell tödliche Grüne Knollenblätterpilz als Kuriositäten bekannt sind, führen die meisten Arten des Waldes ein Schattendasein außerhalb unserer Wahrnehmung. Mykologe (Pilzexperte) Eberhard Steiner verbringt den ersten Kurstag mit uns, um Licht in dieses Dunkel zu bringen. Er versteht es, unscheinbare und weniger auffällige Arten mit spannenden Geschichten und viel Humor zu vermitteln. Bei der nachmittäglichen Exkursion wird schnell klar, dass es auch außerhalb der „Schwammerlzeit“ jede Menge zu entdecken gibt im Gelände.

Davor aber gibt es noch eine ausführliche Einführung in die faszinierende Welt der Pilze und Flechten. Mit Anschauungsmaterial und vielen Bildern im Gepäck sorgt Eberhard für so manchen Aha-Moment. Wurden vor einigen Jahrzehnten Pilze in der Biologie noch als Pflanzen ohne Chlorophyll (Blattgrün) kategorisiert, bilden sie mittlerweile neben den Tieren und Pflanzen ein eigenes drittes Reich innerhalb der sogenannten eukaryotischen Lebensformen (darunter versteht man Lebewesen mit einem echten Zellkern, im Unterschied zu den prokaryotischen Bakterien und Archeen). Die Verwandtschaft mit den Tieren ist sogar enger als jene mit den Pflanzen. Viele Eigenschaften teilen sie mit ersteren (Ernährung durch organische Nährstoffe ihrer Umgebung, Glykogen als Speicherstoff), andere wiederum mit Pflanzen (Vorhandensein von Zellwänden und Vakuolen, Sesshaftigkeit). Außerdem erfahren wir Grundlagen zu Aufbau, Lebensweise, Vermehrung, Nutzung und kulturgeschichtlicher Bedeutung der Pilze. Immer wieder werden mögliche Antworten auf die bei Pilzexkursionen am häufigsten auftauchenden Fragen seitens interessierter Laien diskutiert. Dabei kommen wir öfters auf die Frage „Was hat das alles mit mir zu tun?“ zurück – schier unendlich sind die Möglichkeiten, um mit spannendem Pilzwissen direkt an der Lebensrealität der Teilnehmer:innen anzuknüpfen. Optisch und auch haptisch beeindruckend sind die Baumpilze, die Eberhard als Anschauungsmaterial mitgebracht hat. Der bekannte, aber bei uns recht seltene Zunderschwamm ist auf geschwächten Buchen- oder Birkenstämmen zu finden – und war zusammen mit dem Birkenporling Bestandteil von Ötzis Transalp-Gepäck. Den häufigeren, aber nicht minder beeindruckenden Rotrandigen Baumschwamm oder Fichtenporling findet man im Bergwald öfter.

Flechten am Fels unter der Lupe

Gemischte Fundstücke

 

 

 

 

 

 

 

Formtyp Strauchflechte

Zwischen Gneisblöcken auf Suche

 

 

 

 

 

 

Bei der nachmittäglichen Exkursion halten wir zuerst nach Flechten Ausschau – jahreszeitbedingt haben wir hier mehr Aussicht auf Erfolg als bei den Pilzen. Die Bezeichnung Flechte steht für eine symbiotische Lebensgemeinschaft zwischen einem oder mehreren Pilzen und einer oder mehreren Photosynthese betreibenden Partnerarten (diese Rolle nehmen Grünalgen oder Cyanobakterien/Blaualgen ein). In der biologischen Systematik werden sie zwar im Reich der Pilze geführt, nehmen dort aber als eigene Lebensform eine Sonderstellung ein. Der Pilz bildet mit einem Geflecht aus Pilzfäden (Hyphen) den Körper der Flechte, innerhalb dessen die Photosynthese betreibenden und somit den Pilz miternährenden Algenpartner vergleichsweise gute Lebensbedingungen vorfinden – eine klare Win-Win-Situation. Ihr spezieller Aufbau und Stoffwechsel ermöglicht es Flechten, Lebensräume und Kleinstandorte mit schwierigen Bedingungen zu besiedeln und lange Zeit unter Extrembedingungen zu überdauern (im Versuch überlebten sie sogar zwei Wochen im All!). Daher müssen wir gar nicht erst in die Ferne schweifen, sondern können schon an einem einzigen Zaunpfosten am Wegesrand alle drei typischen Formtypen ausmachen (Krusten-, Blatt- und Strauchflechten). Auf schattigeren Felspartien macht die Schwefelflechte farblich ihrem Namen alle Ehre. Manchmal wird diese dem eigenen Formtyp Staubflechte zugeordnet. Unter den Strauchflechten sind die Bartflechten der Gattung Usnea als Zeigerorganismen für Luftqualität bekannt. Wir nehmen sie genauer unter die Lupe und staunen darüber, wie sich die äußeren, algenhaltigen Zellschichten wie eine Kabelisolierung abziehen lassen.

Schmetterlingstramete

Sporenverbreitung beim Stäubling

 

Im naturnahen Bergsturz-Blockwald, wo wir zwischen riesigen Gneisblöcken und kühlen Löchern umhersteigen, stecken die Pilze noch in den Startlöchern. Fruchtkörper sind auch von kleineren Arten noch kaum zu finden – kein Wunder, liegen doch in manchen Mulden noch Schneereste, die zu dieser Jahreszeit von einem schneereichen Winter und kühlen Frühling zeugen. Die Pilzhyphen, die sich durch die oberen Bodenschichten ziehen, sind trotzdem überall auszumachen. Auch die vom Wurzelschwamm verursachte und forstlich gefürchtete Rotfäule ist an Baumstümpfen der Fichte klar erkennbar. Mit einem Stäubling als Anschauungsobjekt sprechen wir zum Abschluss noch über die Vermehrung von Pilzen – die Sporen der Pilzbegeisterung sind jedenfalls gesät.

Am späten Nachmittag begrüßen uns Willi Seifert, Geschätsführer des Hochgebirgs-Naturpark Zillertaler Alpen, und zwei Praktikantinnen herzlich im Naturparkhaus in Ginzling. Seine Begeisterung für die Arbeit und für das Gebiet, dem sie gilt, ist während des Vortrags zu Geschichte, Besonderheiten, Projekten sowie aktuellen Herausforderungen und Zielen des Naturparks zu spüren.

Die Glocke in Finkenberg, eine durch die tiefe Tuxbachschluch von der Ortschaft abgetrennte inselartige Geländeform, ist das Ziel unserer Exkursion am zweiten Tag. Sie ist der ideale Standort für die Aktivität, zu der uns Bodenökologin Julia Seeber (Universität Innsbruck und Eurac Bozen) einlädt: Mit einfachster Ausrüstung machen wir uns daran, die dicke Laubstreu des von Buchen dominierten Mischwaldes genauer unter die Lupe zu nehmen. Bevor aber das große Suchen losgehen darf, wird die Geduld der Teilnehmer:innen noch etwas auf die Folter gespannt. Wir beschäftigen uns mit wichtigen Grundbegriffen und bauen so langsam ein tieferes Verständnis für den Lebensraum unter unseren Füßen auf. Wie entstehen Böden eigentlich, und in welchem Tempo? Welche ökologischen Funktionen erfüllen sie in den globalen Stoffkreisläufen? Was sagen uns Böden über die Geschichte einer Landschaft aus, und welche Potentiale haben sie, unsere ungewisse Zukunft zu verbessern.

Bodenökologin Julia Seeber

Bohrstock mit Bodenprofil

 

 

 

 

 

 

Der erste Suchauftrag besteht darin, möglichst viele Stadien der Blattzersetzung in der Streu zu finden. So haben wir die Entwicklung von frisch gefallener Laubstreu bis hin zu humifiziertem organischen Kleinmaterial direkt vor Augen. In der zweiten Suchphase machen wir auf jene Organismen Jagd, welche für wichtige Arbeitsschritte in diesem Abbauprozess verantwortlich sind. Es sind nicht nur die oft zitierten Regenwürmer, die durch ihre Lebensweise viel zur Funktion und Gesundheit der meisten terrestrischen Lebensräume beitragen und auch für den Landwirtschaft betreibenden Menschen von enormer Bedeutung sind. Eine ganze Schar von Organismengruppen in der Streu und im Boden ist zu unterschiedlichen Zeitpunkten am Abbau der anfallenden toten organischen Substanz beteiligt. Wir finden zum Beispiel pflanzenfressende Schnurfüßer, die mit ihren zwei Beinpaaren pro Körpersegment zu den Doppelfüßern gehören. Laien kennen sie vielleicht als Tausendfüßer. Genau genommen wird so aber der gesamte Unterstamm bezeichnet, dem auch die auffälligen räuberischen Vertreter der Hundertfüßer zugeordnet werden: Steinläufer und Erdläufer gehen auf aktive Beutejagd und überwältigen die Beute mit ihrem Gift. Zu einer anderen Verwandtschaft gehören hingegen die Asseln – als landlebende Krebstiere sind sie an sehr hohe Luftfeuchtigkeit gebunden und finden sich daher niemals im ungeschützten Sonnenlicht. Der Weberknecht nimmt uns mit auf einen Exkurs zu den Spinnentieren, welche außer den echten Spinnen auch Milben und Skorpione umfassen. Ein Ohrwurm und die Larve einer Schnakenart mit der charakteristischen „Teufelsfratze“ am Hinterleib läuten den Reigen der Insekten ein. In dieser für ihre unüberschaubaren Artenzahlen bekannten Klasse bilden wiederum die Käfer jene Ordnung, welche weltweit die größte Vielfalt (350.000 beschriebene Arten!) aufweist. Wir stoßen unter anderem auf Laufkäfer, Kurzflügelkäfer und die „Drahtwürmer“ genannten und bei Bauern gefürchteten Larven der Schnellkäfer, welche bedeutende Ausfälle im Getreide- oder Kartoffelanbau bewirken können. Das Motto „klein, aber oho!“ vertreten die fast omnipräsenten winzigen Springschwänze, die sich mit Hilfe ihrer Sprunggabel bis zu 20 cm weit katapultieren können.

Totholz als Lebensraum

Zuordnung der gefundenen Organismen

Gleich mehrere Ursachen führen dazu, dass der Geschützte Landschaftsteil Glocke von einem für Tiroler Verhältnisse hohen Potential für Baumartenvielfalt gekennzeichnet ist. Mit Hochstegener Marmor (kalkhaltig) und Gneis (silikatisch) sind zwei geologische Untergründe präsent, auf denen sich jeweils unterschiedliche Pflanzen- und Waldgesellschaften herausbilden. Die durch die glockenartige Geländeform gegebenen unterschiedlichen Expositionen in fast alle Himmelsrichtungen haben stark ausgeprägte Mikroklimata zur Folge, auch Wasser und Nährstoffe sind geländebedingt ungleichmäßig verteilt. Die tief ins Gestein gegrabene Tuxbachschlucht, welche oberhalb der Glocke von der beeindruckenden historischen Teufelsbrücke überquert wird, bringt steile Felswände und dauerhaft hohe Luftfeuchtigkeit als Aspekte mit. Ein interessantes Gebiet also für einen nachmittäglichen Spaziergang mit Anna Rita Hollaus von der Bezirksforstinspektion Schwaz. Neben der Vermittlung der Hauptbaumarten der Tiroler Wälder gibt sie uns einen Einblick in verschiedene Waldthemen aus forstlicher Perspektive. Wir sprechen über Naturwald und Ertragswald (60 Prozent der Tiroler Waldfläche), die verschiedenen Funktionen des Waldes für die Gesellschaft, Besitzstrukturen und rechtliche Fragen.

Anna Rita Hollaus, BFI Schwaz

Teufelsbrücke mit Schluchtwald

Die Vielfalt an diesem besonderen Standort lässt unsere Artenliste schnell anwachsen. Über zwanzig Baumarten kommen letztendlich zusammen. Für die gesamte Palette wird es noch Wiederholungsmöglichkeiten geben, während die Hauptbaumarten Tirols (Fichte 58%, Lärche 7%, Buche 5%, Kiefer 4%, Tanne 3%, Zirbe 2%) mitsamt ihren Merkmalen schon bald gefestigtes Wissen werden. Auf der Wanderung rund um die Glocke widmen wir den unterschiedlichen Waldgesellschaften besondere Beachtung. In den steilen, felsigen Abhängen der dauerfeuchten Tuxbachschlucht ist der Bergahorn am häufigsten zu sehen – an weniger steilen Stellen gesellen sich Fichte, Tanne, Buche und andere Laubbaumarten dazu. Auf der südexponierten Seite der Glocke hat sich auf silikatischem Untergrund ein Linden-Eschen-Mischwald herausgebildet, der von Edellaubhölzern geprägt ist. Hier finden sich auch einige Exemplare der aufgrund des Ulmensterbens sehr selten gewordenen Berg-Ulme. Der Gemeinen Esche steht ein ähnliches Schicksal bevor – wir machen viele Bäume aus, die vom Eschentriebsterben schwer in Mitleidenschaft genommen sind. Ein aufheiternder Blick hingegen ist das oft fotografierte „Lindenkreuz“, welches durch zwei zusammengewachsene Linden entstanden ist. Auf dem Rückweg kommen wir wieder auf die Seite mit Marmoruntergrund, wo die kalkliebenden Buchen den Ton angeben. Zum Abschluss gibt es Gelegenheit zur Wiederholung der Hauptbaumarten, die mit Zweigen und Samenschüsseln fotogen auf der Motorhaube des Bundesforste-Autos aufgelegt werden.

Gewachsene Kunst

Hauptbaumarten mit Samen

Der Samstag steht ganz im Zeichen des erlebnisorientierten Lernens und der Vermittlung von Naturwissen. Kursleiter Daniel Baumgartner, Ökologe und freiberuflicher Naturpädagoge für Natopia mit langjähriger Erfahrung in der Naturvermittlung und Umweltbildung, lädt die Gruppe auf einen Ausflug in den malerischen Zemmgrund ein – Heimspiel also, von unserer Unterkunft aus betrachtet. Wir sprechen über die Notwendigkeit von Natur- und Waldpädagogik in einer Zeit, die von ausgesprochener Entfremdung gekennzeichnet ist. Wir als Naturführer:innen können dabei mithelfen, die abgerissenen Fäden der Naturverbindung bei jung und alt neu zu knüpfen. Am Vormittag sollen die Kursteilnehmer:innen selbst in die Vermittlerrolle schlüpfen und sich eine didaktische Methode überlegen, um die Baumart, die ihnen zugeteilt wurde, der Gruppe näherzubringen – und somit die grundlegende Artenkenntnis für das Waldmodul zu festigen. Der Kreativität sind keine Grenzen gesetzt, und auch der veranschlagte Zeitrahmen wird bei Bedarf undogmatisch erweitert. Entsprechend vielgestaltig ist das Ergebnis: von Meditationen über kleine Theaterstücke bis hin zu Rätseln reichen die gewählten Vermittlungsmethoden, so verschieden wie die Teilnehmer:innen selbst. Das kooperative Baumartenrennen als herausfordernde Gruppenaufgabe sorgt dafür, dass das Baumwissen bis zur Mittagspause gefestigt ist. Diese genießen wir in Bachnähe im Bereich der Schwemmalm, mit Blick auf mehrere Wasserfälle und die noch immer nicht ganz schneefreien Lawinenstriche des Zemmgrundes.

Lawinenstriche im Zemmgrund

Methodik zu den Baumarten

 

 

 

 

 

 

 

Heidelbeere vorstellen

Auwald mit Grauerlen und Fichten

 

 

 

 

 

 

 

Stille bei der Geräuschelandkarte

Milzkraut

 

 

 

 

 

 

 

Mal richtig den Hirsch rauslassen

Entspannung pur

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Am Nachmittag gibt es für die angehenden Naturführer:innen Gelegenheit zu etwas Entspannung inmitten des dicht gepackten Kursmoduls. Sie können in die Teilnehmer:innenrolle schlüpfen und sich voll auf die von Daniel vorbereitete naturpädagogische Beispielfühinlassen, welche ganz im Zeichen der Sinneswahrnehmung steht. Von der Waldtierpantomime über eine Spiegelwanderung bis hin zur Geräuschelandkarte geht die Reise durch die Sinneswelten, auf der wir den Grauerlen-Auwald aus unterschiedlichen Perspektiven erleben. Bei der Blinden Barfußkarawane zum Abschluss gipfelt die Intensität der unmittelbaren Naturerfahrung – wie vom amerikanischen Naturpädagogik-Pionier Joseph Cornell in seinem „Flow Learning“ genannten Konzept vorgesehen. Mit schönen Hornblenden und Granaten, den berühmten Mineralien des hinteren Zillertals, klingt der Nachmittag aus, bevor uns langsam beginnende Nachmittagsschauer für den Rückweg zur Unterkunft motivieren.

Botaniker Christian Anich vom Tiroler Landesmuseum lenkt unsere Aufmerksamkeit am Sonntag Vormittag in einem Waldstück unterhalb von Maria Brettfall bei Astholz am Eingang des Zillertals auf eine evolutionär alte Pflanzengruppe, die im Vergleich zu den Blütenpflanzen oft weniger Beachtung erhält. Erst auf den zweiten Blick und mit Hilfe einiger wichtiger Hinweise vom Experten in Bezug auf Unterscheidungsmerkmale tritt in den grünen Moospolstern eine Vielfalt zutage, die den meisten bisher verborgen blieb. Aufgrund ihrer Lebensweise sind Moose sehr stresstolerant und können schwierige Standorte besiedeln – etwa solche mit angespanntem Wasserhaushalt wie auf Felsen oder Dachziegeln. Wir besprechen die Untergruppen sowie Unterschiede zu den Gefäß- und Samenpflanzen in Aufbau und Vermehrung. Bei einer ersten Übung gilt es, eine Moosart unter der Lupe im Detail zu studieren und die Beobachtungen mit der Gruppe zu teilen. Die Vielfalt der von Christian mitgebrachten und von den Teilnehmer:innen später aus dem umliegenden Wald zusammengetragenen Moose ist faszinierend, jedoch ist es auf Anhieb auch mit Lupe gar nicht leicht, die vielen neu erlernten Arten sicher und richtig zu bestimmen und wiederzufinden.

Moosexperte Christian Anich

Auswahl mitgebrachter Moose

 

 

 

 

 

 

Also entscheiden wir uns, den Blick zu fokussieren, und stellen eine Liste der häufigsten und bedeutendsten heimischen Arten auf, die auch Laien gut wiedererkennen können. Die Torfmoose und ihre kulturgeschichtliche und ökologische Bedeutung sind uns bereits im Heiterwanger Hochmoor begegnet. Aus dem Haarmützenmoos wurden früher sogar als Schiffstaue verwendete Mooszöpfe geflochten. Das Etagenmoos ist mit geschultem Blick auch aus der Ferne erkennbar, da es mit seinen stockwerkartigen Jahrestrieben seinem Namen alle Ehre macht. Die zur Krippendekoration verwendeten Schlafmoose besiedeln oft mattenartig die Basis von Baumstämmen und laden zum Verweilen ein. Der an lichteren Standorten vorkommende Große Runzelbruder hingegen raschelt beim Betreten und ist daher auch als Raschelmoos bekannt. Die Gabelzahnmoose bilden in der Regel große Polster, während manche Lebermoose vom Habitus her eher an Flechten erinnern.

Kratz-Lebermoos

Moose auf Buchenrinde

Die Bedeutung von Moosen in der Medizin ist heute als gering einzustufen. Umso wertvoller ist ihre ökologische Rolle als Pionierbesiedler. Den unverwüstbaren Bärtierchen dienen sie als Lebensraum. Von unmittelbarer Bedeutung für den Menschen: Durch ihre ausgeprägte Fähigkeit zur Wasserspeicherung bilden sie einen natürlichen Hochwasserschutz und können sowohl Niederschlags- als auch Temperaturextreme abpuffern. Auch die sinnliche Erfahrung eines Moosbettes im Wald an einem warmen Sommertag ist unbezahlbar.

In der letzten Einheit des Kursmoduls vertiefen wir mit Forstbotaniker Manfred Hotter das Thema Wald aus botanischer Sicht. Im Gegensatz zum Vormittag gilt unsere Aufmerksamkeit in erster Linie den so genannten höheren Pflanzen und ihrer Ökologie. In einer Einführung erfahren wir, welche klimatischen und geologischen Faktoren dazu führen, dass sich unter natürlichen Bedingungen je nach Standort spezifische Waldgesellschaften ausbilden. Diese kennzeichnen sich jeweils durch eine typische Baumarten- und Unterwuchszusammensetzung, und werden entsprechend nach den Charakterarten benannt. Was die klimatischen Wuchsgebiete betrifft, gibt es die grobe Unterscheidung zwischen den niederschlagsreicheren Randalpen und den trockeneren inneralpinen Zonen mit größeren Temperaturschwankungen – wir blicken in Richtung ersterer (nördliche Kalkalpen) und haben zweitere (Alpenhauptkamm) im Rücken. Diese großräumigen Klimafaktoren bedingen die potentielle natürliche Verbreitung der Hauptbaumarten in Tirol. Der aktuelle Flächenanteil ist natürlich stark von der historischen und aktuellen forstwirtschaftlichen Nutzung beeinflusst. Insgesamt kommt Tirol auf 9 heimische Nadelbaum- und 37 Laubbaumarten von forstwirtschaftlicher Relevanz. Anhand des guten Ausblicks auf das Rofangebirge nördlich von Wiesing lassen sich auch die für den Alpenraum typischen Höhenstufen der Waldvegetation gut wiederholen. Direkt über dem Dorf ist ein ausgedehnter Kahlschlag im Fichtenforst ersichtlich, der vermutlich aufgrund von schwerem Borkenkäferbefall getätigt wurde. Direkt neben uns auf dem Holzlagerplatz stapeln sich viele Festmeter entrindeter Fichtenstämme.

Forstbotaniker Manfred Hotter

Holzlager mit Blick auf Wiesing

Unsere Exkursion führt uns durch den Wiesinger Tiergarten. Heute lädt das historische Jagdrevier mit einem neu gestalteten Forstlehrpfad zum Spazieren, Beobachten und Verweilen ein. Der kleine Inselberg hat Wettersteinkalk als geologischen Untergrund. Allerdings deuten gleich mehrere Spuren darauf hin, dass der Standort auch durch hertransportierte Innsedimente geprägt ist. Wir stoßen etwa auf Amphibolit-Gestein aus den Zentralalpen, und auch die tiefgründige, lehmige Braunerde kann in dieser Form nicht allein an Ort und Stelle entstanden sein. Der geschulte Botanikerblick findet im Vorkommen von Knotiger Braunwurz und Berg-Goldnessel am Waldboden Bestätigung für den wüchsigen Untergrund. Weiter oben am Hügel stoßen wir auf das zweihäusige Wald-Bingelkraut mit männlichen und weiblichen Individuen – als Leitart gibt diese Pflanze gleich mehreren Buchenwaldgesellschaften ihren Namen. Männer- und Frauenfarn sind anhand einfacher Eselsbrücken leicht zu unterscheiden, und anhand der schmarotzenden Orchidee Vogel-Nestwurz wird thematisiert, warum nicht alle Pflanzen grün sein und Photosynthese betreiben müssen.

Vogel-Nestwurz

Wald-Bingelkraut, weiblich und männlich

Gerade in dem Moment, als wir uns unter einem sogenannten Spechtbaum versammeln, um die ökologische Bedeutung von stehendem Totholz zu besprechen, machen sich in unmittelbarer Nähe einige Buntspechte bemerkbar – sie würden uns hier wohl zustimmen. Der europaweit geschützte Alpen-Bockkäfer hingegen braucht tote stehende Buchen zur Entwicklung. Mehr Licht und verfügbare Nährstoffe als im geschlossenen Wald üblich brauchen hingegen die Pflanzen der sogenannten Schlagflora: auf der Lichtung finden wir Tollkirsche und Wasserdost. Wir schließen den Kreis mit einer Altersbestimmung an einem stattlichen Fichtenstock. Etwa 120 Jahre ergibt die Zählung der Jahresringe.

Vorübergehend mag es einigen im Kurs nach diesem intensiven Modul im Zillertal so ergehen, dass sie den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sehen. Doch zweifelsohne sind das viele neue Wissen und die verschiedenen erworbenen Blickwinkel eine Einladung, in Zukunft besonders aufmerksam und achtsam durch den Wald zu spazieren, und das erworbene Waldwissen stetig auszubauen und zu festigen.