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Linde Titel

Der Herzchenbaum

Wenn man in einer Sommernacht durch eine Lindenallee schlendern könnte, würde man die Lobeshymnen auf die Linde verstehen. Da ist die warme Sommerluft, der Duft von Blüten und das Summen vieler Tausend Bienen…

Die Lindenstraße in Reutte erinnert noch an eine Lindenallee vor langer Zeit. Aber nur dem Namen nach: Übrig geblieben ist ein Lindenbäumchen von etwa 30 Jahren, mitten im Kreisverkehr vor der Gemeinde. Baumalleen sind nicht mehr in. Die letzten in Reutte werden bald fallen, wegen Begegnungszone, Parkumgestaltung, Angst vor großen Bäumen in der Stadt, Fassadenstörung undsoweiter.

GESCHICHTSTRÄCHTIG. Doch machen wir besser wieder eine Zeitreise zurück, in der große Bäume geschätzt wurden. Als Menschen lange Zeit die Linde zum Mittelpunkt ihrer Dörfer und Städte machten. Die Linde scheint die Nähe des Menschen ebenfalls zu lieben. Sie wächst nicht gern Baum an Baum gedrängt, im Wald. Auf dem Dorfplatz breitete sie sich gewaltig aus. Vor wenigen Tagen war ich mit Jürgen auf Recherchewanderung für sein neues Wanderbuch in Oberschwaben. Da gab es einmal den Ort Bruggen, mit einer Dorflinde. Schon vor dem 30-jährigen Krieg wurde das Dorf zerstört und die Menschen wanderten ab. Heute noch, nach 500 Jahren steht diese Dorflinde, aber jetzt mitten im Wald. In dieser Gegend gibt es noch viele alte Dorflinde. Aber diese ist die stärkste, mit 9,5 Metern Umfang. In der Mitte befindet sich ein Salt. Es heißt, wer sich da durchzwängt, wird von allen Krankheiten geheilt.

Die dickste Linde Europas steht übrigens in Niedersachsen mit 18 Meter Umfang! Die berühmte Tassilolinde in Wessobrunn in Oberbayern, nicht weit von uns entfernt, schafft es auf 14 Meter. Die älteste bekannte Linde steht in Hessen mit geschätzten 1.200 Jahren.

Ganze Bücher voller Gedichte, Lieder, Sagen wurden darüber geschrieben, was sich im Schatten des Baumes alles zutrug. Hier unter der Linde soll Zwergenkönig Laurin die Schwester Dietrich von Berns geraubt haben, und hier besiegte Siegfried den Drachen. Walther von der Vogelweide bereitete sein berühmtes Liebeslager aus Heidekraut und Rosen unter der Linde.

Die meisten Lindengeschichten sind Liebesgeschichten, denn die Linde ist der Baum der Liebe! Sie war natürlich einer Göttin geweiht. In der Antike wurde unter einer Linde der Liebesgöttin Aphrodite geopfert. Für die Germanen war sie als Baum der Göttin Freya zugleich auch der Gerichtsbaum. Später wurden daraus viele Maria-Linden.

HERZENSBAUM. Als Baum der Liebe trägt sie tausende von kleinen Herzen an ihren Zweigen. Ihre unregelmäßig geformten Blätter haben nämlich die Form eines Herzchens.

Warum gibt es immer weniger Linden in unseren Dörfern und Städten? Jedes europäische Dorf hatte früher seine Dorflinde, die das Zentrum bildete und wichtiger Kommunikationsplatz war. Doch das soziale Leben hat sich verändert. Man könnte meinen es besteht kein Bedarf mehr an einer Dorflinde. Jedenfalls wäre die Ansteckungsgefahr mit Corona weit geringer als beim Stammtisch in einer Kneipe.

Und welcher Städteplaner reserviert schon in der Mitte einen Platz für eine Linde, unter der Tanzveranstaltungen und Feste oder auch Treffen von Jugendlichen stattfinden können?  Da kommt ihnen höchstens ein herzlicher Lacher über die Lippen. Obwohl – irgendwie habe ich das Gefühl, dass solche Werte wieder Gehör finden werden. Auch die Sommerhitze in den Städten trägt dazu bei. Doch noch nicht lange her, da sagte der Obmann des Umweltausschusses von Reutte, Helmut Hein, allen Ernstes: „Große Bäume gehören nicht in die Stadt, sondern in den Wald!“

DEN GRÖSSTEN NUTZEN von der Linde haben die Bienen. Sie ist für sie eine riesige Bienenweide, an der bis zu 60.000 Blüten hängen. Die Linden locken die Bienen mit ihrem besonders süßen und duftenden Nektar an. Er rinnt ihnen geradezu aus den Blüten und von den Blättern. Äußerst befriedigt summen die Bienen von einer Blüte zur anderen und besorgen so nebenbei die Bestäubung.

Vor kurzem hat die UNO einen alarmierenden Bericht herausgebracht, und es war auch bei uns in den Medien zu lesen. 1 Million Arten von 8 Millionen sind akut bedroht. Darunter viele Bienenarten bei uns. Was braucht es noch alles zum Umdenken?

FAMILIENGESCHICHTE.Die Linden bilden eine eigene Familie der Lindengewächse. Sie bilden 5 Kelch- und Blütenblätter, ein Fruchtknoten mit 5 Fruchtblättern und eine Frucht mit 1 – 3 Samen aus. Von den etwa 400 Lindenarten, die hauptsächlich in den Tropen vorkommen, sind 4 bei uns heimisch. Wir kennen vor allem die Sommerlinde und die Winterlinde.

HOCH SENSIBEL. Es hat noch einen weiteren Grund, warum es immer weniger Linden in unseren Städten gibt. Sie sind besonders empfindlich gegen Abgase. Linden sind auch in unseren Wäldern zur Rarität geworden. Sie haben in der modernen Forstwirtschaft keine Bedeutung mehr. Dabei war es einmal das Lignum sanctum, das „heilige Holz“, aus dem Tilman Riemenschneider,Veit Stoß und viele unbekannte Meister ihre Werke schufen, denn das weiche Holz der Linde eignet sich sehr gut für Schnitzereien, aber nicht als Nutz- oder Bauholz. Auch mich hat die Linde inspiriert. Die Zeichnung oben heißt: Tanz unter der Linde. Weitere Kunstwerke von mir seht ihr hier.

EIN TEE AUS LINDENBLÜTEN hilft gerade in der Winterszeit gegen Erkältung, Schnupfen, Grippe, Husten und Bronchitis. Die Blüten enthalten schweißtreibende Glycoside, die eine ähnliche Wirkung haben wie der Holunderblütentee. Er wird heiß getrunken, mit Honig gesüßt. Am besten legt man sich ins Bett, dick zugedeckt und trinkt einige Tassen des heißen Tees. Ist man dann richtig feucht und heiß vom Schwitzen, folgt eine Abwaschung mit eiskaltem Wasser am ganzen Körper. Dann legt man sich wieder ins warme Bett. Diese Prozedur regt die Abwehrkräfte des Körpers an (gleich macht man es mit Holunderblütentee).

Der Tee wirkt auch schleimlösend und krampfstillend, was ihn zu einem guten Hustentee macht.

Rezept:

Wintertee:

2 Teile Lindenblüten, 1 Teil Schlüsselblumen, 1 Teil Pappelknospen

Erwärmender und stärkender Tee für die Winterzeit. 1 Tasse Wasser aufkochen lassen, 2 Teelöffel der Mischung zugeben und den Topf vom Herd nehmen. Abdecken und ca. 10 Minuten ziehen lassen. Mit Honig süßen