Naturwunder am Fuß des Großglockners – Tiroler Naturführer:innen im Nationalpark Hohe Tauern
Die Hohen Tauern rufen zur Abschlussrunde des heurigen Naturführer:innenkurses in Kals am Großglockner. Nachdem wir in den ersten Kursmodulen zu den Lebensraumschwerpunkten Wasser, Wald und Wiese in drei der fünf Tiroler Naturparke zu Gast waren, darf zum Ende auch die Königsklasse der Schutzgebiete nicht fehlen. Der Nationalpark Hohe Tauern bietet ein grandioses Setting, um sich mit den speziellen Anpassungen von Gebirgspflanzen und -tieren zu beschäftigen. Außerdem lädt das zumindest unter Geolog:innen weltweit bekannte Tauernfenster uns dazu ein, nochmal die Grundlagen der Geologie zu vertiefen – mit besonderem Augenmerk auf die metamorphen Umwandlungsgesteine, die für die Region so charakteristisch sind. Und weil Inhalte nicht alles sind, gibt Kommunikationsprofi Martin Krejcarek den angehenden Naturführer:innen wertvolle Tipps zu Gruppenleitung und Veranstaltungsaufbau mit auf ihre beginnende Laufbahn.
Am Donnerstag stehen der Besuch im Nationalparkhaus in Matrei in Osttirol und eine Exkursion ins Ködnitztal mit dem Schwerpunkt Naturbeobachtung und Wildtiere auf dem Programm. Unser Begleiter Andreas Rofner ist schon seit über zwei Jahrzehnten Ranger im Nationalpark Hohe Tauern. Da kommen über die Jahre eine ganze Menge Beobachtungen und Wissen zusammen. Wir haben bei der Wildtier-Exkursion mit Andreas die Gelegenheit, diesen reichen Erfahrungsschatz anzuzapfen und uns von seiner Begeisterung für die Lebewelt der Hohen Tauern anstecken zu lassen. Zusätzlich zum Schwerpunktthema Wildtiere haben wir Gelegenheit über Bergsteigen, Klimawandel, Gletscherschwund und Hochgebirgsbotanik zu diskutieren. Andreas hat während seiner Ranger-Karriere die Gletscher der Hohen Tauern regelrecht zusammenbrechen sehen – zu Beginn seiner Laufbahn bedeckten sie noch eine beinahe doppelt so große Fläche im Nationalpark.
Das Gebirgsmodul starten wir beim Nationalparkhaus in Matrei, wo uns Andreas Interessantes zur Geschichte der Nationalparkidee allgemein und des Nationalparks Hohe Tauern im Speziellen erzählt. Aktuelle Herausforderungen sind die stellenweise apokalyptisch anmutende Waldsituation und der rasante Gletscherschwund aufgrund des menschgemachten Klimawandels. Die Vorfreude ist groß, als wir mit Spektiv und Ferngläsern ausgerüstet zur Wildtierbeobachtung im Ködnitztal aufbrechen. Wir lauschen gespannt Andreas’ Geschichten zu den berühmten alpinen „Big Five“ (Murmeltier, Gämse, Steinbock, Steinadler, Bartgeier), mit denen der Nationalpark seine Wildtier-Exkursionen bewirbt. Die Säugetiere unter den fünf haben wir bald abgehakt, der Steinadler hingegen verschwindet schnell hinter einem Grat, bevor die Gruppe die Ferngläser zücken kann. Doch zum Glück werden wir am Samstag bei der botanischen Hochgebirgswanderung noch Gelegenheit bekommen, Sichtung Nummer vier nachzuholen und einen Steinadler ausgiebig zu beobachten. Nur der große Star Bartgeier, Protagonist eines aufwändigen, aber erfolgreichen Wiederansiedelungsprojekt in Zusammenarbeit unter anderem mit dem Innsbrucker Alpenzoo, bleibt unseren Blicken verborgen. Wir werden die Herausforderung mit nach Hause nehmen. Mittlerweile brüten auch in Nordtirol schon die ersten Bartgeier, und die Bartgeier der Hohen Tauern kommen auf ihren Erkundungsflügen immer wieder vorbei. Wer öfter am Alpenhauptkamm oder in den Lechtaler Alpen unterwegs und nach dem sagenumwobenen großen Vogel mit dem schlanken Flugbild und keilförmigen Schwanz Ausschau hält, wird die Liste der großen Fünf zuhause noch vervollständigen.
Daraufhin bekommen wir mehrere Gelegenheiten zur Beobachtung von Gamswild und in weiterer Folge auch Steinwild mit Fernglas und Spektiv. Wir lernen, dass die alpinen Paarhufer zwar hervorragend an die Kälte und harte Winter angepasst sind, sich aber an heißen Sommertagen wie dem heutigen an ihrem thermischen Limit bewegen. Auch die Milbenkrankheit Räude und die Gämsblindheit können ihnen zum Verhängnis werden. Beim Alpensteinbock kommt als erschwerender Faktor hinzu, dass die genetische Diversität sehr gering ist. Durch die historische Überbejagung, angefeuert durch jede Menge Aberglauben und Heilsversprechen, ist die Art im 19. Jahrhundert beinahe ausgestorben. Nur im italienischen Gran Paradiso Gebiet konnte sich eine letzte Population retten, von der jeder Steinbock des Alpenbogens abstammt. Immer wieder durchbrechen die pfiffähnlichen Warnschreie der Alpen-Murmeltiere die Stille im Ködnitztal. Wir beobachten die sympathischen Nager in der Nähe ihrer Bauten und erfahren Spannendes über ihren Winterschlaf, während dessen sie sich regelrecht „einmauern“ und ihre Herzfrequenz auf wenige Schläge pro Minute herunterfahren. Doch nicht nur die großen Fünf wecken Begeisterung. Nicht weniger spannend sind die quirligen Birkenzeisige mit auffällig roter Brust und Schopf, die kurzzeitig dem Ranger und seinem Steinbockvortrag die Aufmerksamkeit streitig machen. Auch wenn uns Andreas auf Besonderheiten in der alpinen Pflanzenwelt aufmerksam macht, schweifen wir kurz vom zoologischen Schwerpunkt ab und bestaunen Edelweiß, Türkenbund-Lilie und die seltene Clavenna-Schafgarbe.
Am Freitag dürfen sich die Muskeln entspannen, an diesem Tag ist vor allem geistige Präsenz gefragt. Wir halten das Seminar mit Kommunikations- und Naturvermittlungsexperten Martin Krejcarek im Ködnitzhof ab. Martin gehört zu den Pionieren der österreichischen Naturpädagogik-Szene und arbeitet als Trainer und Organisationsentwickler mit zahlreichen Unternehmen und Institutionen. Wir beschäftigen uns mit Vorurteilen, Gruppendynamiken und Interaktionsmustern. Dabei gehen wir vor allem den Fragen nach, wie qualitative Gruppenleitung aussehen kann, und welche Zutaten den Mix einer gelungenen Naturveranstaltung ausmachen. Wir diskutieren über zu beachtende Rahmenbedingungen, Authentizität der Naturführer:in-Persönlichkeit, Bedürfnisgruppen, Themen-Fokus, vielfältige Methodik und Dramaturgie („das Spiel mit der Spannung“). Durch seine langjährige Tätigkeit im Feld der Naturvermittlung zwischen Konzeption, Supervision und Durchführung kann Martin nicht bloß graue Theorie bieten, sondern auch zahlreiche Best-Practice-Beispiele von Naturerlebnisangeboten, die sich als besonders erfolgreich herausgestellt haben. Ein Leitwort bleibt hängen: „interessant“!
Der Botaniker Moritz Falch, der sich im Zuge seiner Forschungstätigkeit auch mit Hochgebirgspflanzen und Klimawandel auseinandergesetzt hat, begleitet uns am Samstag beim „Höhenflug“ des heurigen Naturführer:innenkurses noch einmal durch das Ködnitztal in Richtung Großglockner – mit dem Erreichen der Stüdlhütte auf ca. 2.800 Metern Meereshöhe haben wir uns ein ehrgeiziges Ziel gesetzt, welches strenge Zeitdisziplin erfordert. Eine Notwendigkeit für den Kursleiter, zu „schließen“ und den am Vortag diskutierten „autoritären Führungsstil“ geltend zu machen? Dieser running gag begleitet uns bis auf die Stüdlhütte, durch den schnellen Gehfortschritt bleiben wir allerdings gut im Zeitplan und müssen keine Abstriche im geplanten Programm machen – und das sogar ganz ohne autoritäre Peitsche. Im Vergleich zur Wildtier-Exkursion mit Andreas Rofner haben wir unseren Blick aber auf eine andere Brennweite eingestellt, und unser Fokus gilt diesmal mehr dem Boden samt Bewuchs statt dem Himmel und den entfernten Hängen. Doch Moritz wird uns vorführen, dass auch im Kleinen große Sehenswürdigkeiten verborgen liegen. Wir müssen uns schon fest vornehmen, einige Pflanzen auszublenden und die Wissbegier im Zaum zu halten, da wir uns einiges an Höhenstufen vorgenommen haben.
Schon nach wenigen Schritten machen wir zum ersten Mal Halt, da wir uns bereits mitten in einer für Gebirgslagen typischen Vegetationsgesellschaft befinden. Die Hochstaudenflur ist durch frischen, nährstoffreichen Boden gekennzeichnet. Hier wachsen stark wüchsige krautige Pflanzen mit großer Blattfläche, wie zum Beispiel der Kahle Alpendost und die Meisterwurz, welche zumindest den Schnapsliebhaber:innen ein Begriff sein sollte. In der Strauchschicht dominiert die Grün-Erle, begleitet von der Felsen-Johannisbeere. Beim nächsten Stopp im Almwirtschaftsgürtel beschäftigen wir uns mit dem ökologisch wichtigen Thema von Pflanzen als Indikatoren. Wir sind mit einer Kuriosität konfrontiert, als wir die Rostrote Alpenrose und die Bewimperte Alpenrose an derselben Stelle finden. Erstere zeigt in der Regel silikatischen Untergrund an, zweitere hingegen deutet auf Kalk. Zusammen sprechen sie für die komplexe geologische Situation des Tauernfensters und erinnern uns daran, dass auch auf kalkhaltigen Gesteinsuntergründen eine oberflächliche Versauerung stattfinden kann. Manchmal hybridisieren die beiden Arten sogar. Mutterwurz und Gold-Pippau sind zwei Delikatessen, welche die Kühe auf den Almflächen besonders gern verzehren. Einige hundert Höhenmeter weiter oben, im Bereich der alpinen Rasen, bilden sich auf kalkreichem Untergrund Blaugrasrasen mit Horstseggen aus. Dort gedeihen auch der Tüpfel-Enzian und die Alpen-Anemone. Auf silikatischem Gestein hingegen ist die Krumm-Segge eine Leitart. Erst im Bereich des Krummseggenrasens stoßen wir dann auch auf die Landkartenflechte, welche Kalkgestein meidet, auf Felsblöcken, sowie auf die kuriose Totengebeinsflechte. Auf windgefegten Kuppen und Geländekanten macht sich die Gämsheide breit – „was nicht passt, wird passend gemacht“ scheint die Überlebensstrategie vieler Hochgebirgspflanzen zu sein, erzeugen sie doch durch ihre Wuchsform ein bodennahes Mikroklima, das weit weniger lebensfeindlich ist als das Geländeklima rundherum. Der Einfluss des geologischen Untergrunds auf die Vegetation nimmt im Hochgebirge zu, da durch die geringeren Bodenmächtigkeiten die Pflanzen stärker von den Eigenschaften des darunterliegenden Gesteins beeinflusst werden. Viele Pflanzen wie der Lebendgebärende Knöterich setzen vermehrt auf vegetative Vermehrung, weil der Erfolg der sexuellen Fortpflanzung über Blüten und Samen aufgrund der kurzen Vegetationsperiode unsicher ist.
Im Bereich zwischen Luckner- und Stüdlhütte tauchen wir immer tiefer in die Welt der Hochgebirgsspezialisten und deren Anpassungen an eine zumindest zeitweise extrem lebensfeindliche Umgebung ein. Der Überlebenskampf bedingt ein äußerst langsames Pflanzenwachstum (der Krummseggenrasen kann sich nur um etwa einen Millimeter pro Jahr horizontal ausbreiten, und viele klein und unscheinbar wirkende Polsterpflanzen sind Jahrzehnte alt), und viele Pflanzen setzen vermehrt auf vegetative Vermehrungsstrategien, anstatt sich nur auf die risikobehaftete Samenbildung zu verlassen. Mit Netz-Weide und Polsternelke stoßen wir auch auf zwei ausgesprochene Hochgebirgs-Spezialisten. Kriechende Nelkenwurz, Zwerg-Primeln und Frühlings-Enziane sorgen für Hingucker und Farbtupfer quer durch die Palette. In der subnivalen Zone in unmittelbarer Nähe der Hütte stoßen wir auf die absoluten Höhenflieger unter den Blütenpflanzen: der Gletscher-Hahnenfuß ist bekannt als eine der höchststeigenden Blütenpflanzen, und der Gegenblättrige Steinbrech hält mit über 4.500 Metern am Dom in der Schweiz sogar den europäischen Rekord. Ein naher Verwandter hingegen, der Rudolph-Steinbrech, hat nur ein kleines Verbreitungsgebiet in den Ostalpen und Karpaten.
Nach vielen beeindruckenden Erlebnissen, vermittelten Inhalten und neu entstandenen Freundschaften wird es schließlich Zeit, den (zumindest geographischen) Höhepunkt des diesjährigen Naturführer:innenkurses zu würdigen. Dazu lassen wir auf einer natürlichen Plattform mit Blick auf vom Gletscher ins Teischnitztal hinabrauschende Wasserfälle noch einmal absolute Stille walten – ein bewegender Moment an einem atemberaubenden Ort. Beim Abstieg durch eine beeindruckende Moränenlandschaft stellen wir die Wissensvermittlung weitgehend auf Pause und saugen Artenvielfalt und Landschaftsformen im Vorbeigehen auf.
Am Abschlusstag gibt es ein Wiedersehen mit dem aus dem ersten Modul bekannten und berüchtigten Geologie-Methodenprofi Magnus Lantschner. Zur Einstimmung lädt er die Kursteilnehmer:innen ein, mit dem geologischen “Aushängeschild” von Kals in Kontakt zu treten. Der vor der Kirche aufgestellte Serpentinit ist groß genug für viele neugierige Augen und Hände. Kurz darauf tauchen wir mit geschlossenen Augen tief in die Gesteinswelt ein – inklusive der damit verbundenen relevanten zeitlichen Dimensionen. Magnus erzählt im Zeitraffer den Werdegang dieses Gesteins. In wenigen Minuten vergehen so gut 150 Millionen Jahre, bis der grüne Serpentinit nach einer langen Reise durch die Erdkruste vor „nur“ 5-10 Millionen Jahren erstmals ans Sonnenlicht kommt. Wie ein Korken schnellen die Gesteine des Tauernfensters in die Höhe und schlussendlich an das Licht der Welt, nur eben mit den Geschwindigkeiten, die nur in der Geologie selbstverständlich sind – bei dieser Aufwärtsbewegung gehen Fachleute von etwa einem Millimeter pro Jahr aus. Von einem Aussichtsplatz mitten in Kals vor unserem Basislager Ködnitzhof bietet sich eine Aussicht, die in geologischer Hinsicht lehrbuchreif ist: Der Rasegg-Schwemmfächer auf der gegenüberliegenden Talseite ist ein Musterbeispiel für einen alpinen Schwemmkegel. Landschaftselemente wie dieses erzählen von einer relativ jungen Talgeschichte. Die umgestaltenden Kräfte einer Eiszeit würde ein derartiger Schwemmkegel nicht überdauern, da es sich nur um eine riesige Ansammlung aus losem Schuttmaterial handelt.
Nach dem kurzen Einstieg im Dorfzentrum fahren wir in Richtung Dorfertal. Die Geschichte der verhinderten Flutung dieses Tals für einen Speichersee ist eng mit der Gründung des Nationalparks Hohe Tauern verwoben. Wir erfahren, dass besonders die Kalser Frauen eine entscheidende Rolle als Aktivistinnen gegen das energiewirtschaftliche Megaprojekt spielten – und haben im Tagesverlauf noch Gelegenheit, uns das Dorfertal im verbauten und überfluteten Zustand samt gigantischer Staumauer vorzustellen. Bevor wir uns auf die geologische Wanderung machen, stellt Magnus noch seine „eierlegende Wollmilchsau der Alpenentstehung“ vor. Damit meint er den Versuch, auf einer einzigen mehrere Meter langen Bodenplane all jene erdgeschichtlichen Zeitalter mitsamt der wichtigsten Organismen, Ablagerungs- und Auffaltungsprozesse bildhaft darzustellen, die für die Alpen und ihre Gesteine von Bedeutung sind.
Am Einstieg der Daba-Klamm, die aufgrund der natürlichen Geländeverengung am Eingang des Dorfertals für Kraftwerksbetreiber:innen noch in den 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts geradezu prädestiniert für eine Staumauer schien, halten wir Ausschau nach einem botanischen Highlight: wir finden zwar noch Exemplare der kalkliebenden Orchidee Frauenschuh, die auffällige und wunderschöne Blüte ist aber leider schon vergangen. Zurück in der Geologie bekommen die Kursteilnehmer:innen noch zwei Aufgaben für die Wegstrecke durch die Schlucht, ausgerüstet mit verdünnter Salzsäure. Den für die Gegend charakteristischen (und kalkfreien) Grünschiefer zu finden, und mit dem Salzsäuretest zum Beispiel die ähnlich aussehenden, aber chemisch sehr unterschiedlichen Minerale Quarz und Calcit (Kalkspat) unterscheiden zu lernen. Calcit bricht gerade ab und schäumt unter Zugabe von verdünnter Salzsäure auf, da das Calciumcarbonat aufgelöst und Kohlendioxid freigesetzt wird. Außerdem kann die Härte eines Gesteins ein wertvolles Indiz zur Unterscheidung sein. Härtere Minerale ritzen weichere an – der Geologe Friedrich Moos nutzte schon im frühen 19. Jahrhunderten diese einfache Einsicht zur Erstellung einer Härteskala von 1 bis 10, auf der Calcit das Referenzmineral für den Wert 3 (mit Kupfermünze ritzbar, mit Taschenmesser erst recht) und Quarz jenes für den Wert 7 (ritzt Fensterglas) darstellt. Nicht zu verwechseln ist die Härte mit der Zerbrechlichkeit eines Minerals.
Während wir uns mit ansteigenden Höhenmetern den Weg durch die Erdgeschichte erarbeiten, stoßen wir zuerst auf Kalkglimmerschiefer und Kohleschiefer. Daraufhin durchwandern wir endlich jene Zone in der Abfolge der Gesteinsschichten der Schlucht, in der wir beim Grünschiefer fündig werden. Auch Quarz und Calcit werden ausgiebig mit Salzsäure beträufelt, und das geologische Gespür wächst mit dem Fortschritt der Wanderung. Der Blick in die Dabaklamm lässt uns die erosive Kraft des Wassers erahnen. Die Mauerläufer in den Felswänden laden zu einem Seitensprung in die Vogelbeobachtung ein. Im Hochtal angekommen, packt Magnus sein Rieselbild aus, bei dem verschiedene für die Alpengesteinsbildung wichtige Sedimentationsprozesse zwischen zwei eingerahmten Glasscheiben bildhaft verständlich gemacht werden. Er lässt Sand, Schotter, Muschelstücke und andere Sedimente sich ablagern. So werden Buntsandstein, Salz- und Gipsablagerungen, Wetterstein, Hauptdolomit, Partnach-Schichten, Hauptdolomit, Ölschiefer, Kössener Schichten, Oberrät- und Adneter Kalk sowie die Allgäu-Schichten und Radiolarit zu mehr als trockenen Begriffen. Zum krönenden Abschluss dieser Performance simuliert Magnus noch einen Vulkanausbruch mit selbst angerührtem rotem Magma – der geniale Abschluss einer mittlerweile legendären Vorzeigemethode! Am Nachmittag geht es nach stärkender Mittagspause bei der Bergeralm darum, mit den wichtigsten metamorphen Mineralien und Gesteinen näher auf Tuchfühlung zu gehen. Daraufhin machen wir uns, ausgestattet mit Lupen, Infoblättern, Diagrammen, Mineralien in Reinform und verschiedenen Gesteinen, mit Glimmer, Feldspat und Granat vertraut und beschäftigen uns mit den Bedingungen, unter denen sie jeweils entstanden sind. Diese spezifischen Entstehungsbedingungen machen auch viele Mineralien zu Indikatoren, die uns viel über die Geschichte eines Gesteins erzählen können.
Der kreative Abschluss kommt den schon leicht rauchenden Köpfen der angehenden Naturführer:innen entgegen. Verschiedene Kleingruppen loten das künstlerische Potential der Beschäftigung mit Steinen aus. Diese werden nach Form, Größe, Farbe oder Art der Mineralien angeordnet. Im Nu entsteht so eine ästhetisch ansprechende Steinlandschaft im Bachbett. Nur eine Aufgabe erfordert noch ordentlich Hirnschmalz. Die vergleichende Dichtemessung verschiedener Gesteine mit einfachsten Hilfsmitteln (Eimer und Federwaage) hat die „Leistungsgruppe Physik“ sofort im Griff. Einen Höhepunkt behält sich Magnus noch für den Rückweg durch den finsteren Tunnel in der Daba-Klamm auf, welchen wir ohne Taschenlampen bestreiten. Dafür sorgt das Klopfen mit Quarzsteinen für kleine Lichter in der absoluten Dunkelheit (piezoelektrischer Effekt).
Ich als Kursleiter bedanke mich bei allen Kursteilnehmerinnen und Kursteilnehmern an dieser Stelle für das wertschätzende und humorvolle Miteinander, die geteilte Begeisterung und die vielen schönen Erlebnisse – in der festen Überzeugung, dass der Funke übergesprungen und das Fundament für eine lebenslange Vertiefung gelegt ist.





















