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Diskussion Unter Historischem Bergahorn

Wo das Wasser den Ton angibt – Tiroler Naturführerkurs Modul 1 in Hinterriß, Naturpark Karwendel, 9.-12. Juli 2020

Bei freundlichem Sommerwetter werden die angehenden Tiroler NaturführerInnen vom ebenso freundlichen Hermann Sonntag, langjähriger Geschäftsführer des Naturpark Karwendel und Experte für Feuchtlebensräume, beim Gasthof Zur Post in Hinterriß empfangen. Seine Begeisterung für wassergeprägte Ökosysteme sieht man ihm auch an, wenn er beim ersten Halt an der Mündung des Johannisbaches auf die Eigenschaften einer weitgehend natürlich erhaltenen Wildflusslandschaft aufmerksam macht. In diesem hochdynamischen Lebensraum sorgt die Energie des Wassers immer wieder für Bewegung. Ein Spezialist, der bestens an das Leben auf der Schotterbank angepasst ist, ist der Flussuferläufer (Actitis hypoleucos), um dessen Schutz das Naturparkteam besonders bemüht ist. In den Brutgebieten dieses Zugvogels herrscht im Frühsommer Betretungsverbot der Schotterflächen. Zu groß wäre sonst die Gefahr, dass die perfekt getarnten Eier der wenigen Brutpaare, die lose zwischen die Steine der Schotterbank gelegt werden, auch ohne böse Absicht zertreten werden. Das Totholz auf der Schotterbank ist gleichzeitig Lebensraum und Lebensraumgestalter, durch seine Einwirkung auf Strömung und Sedimentationsprozesse. Da der Naturpark Karwendel einige derartige wilde Perlen aufweisen kann, und dazu noch viele artenreiche Kulturlandschaften von hohen biologischem und ästhetischem Wert, wurde er in das europäische Schutzgebietsnetzwerk „Natura 2000“ aufgenommen.

Wildfluss Rißbach

Hermann Sonntag vom Naturpark Karwendel

 

 

 

 

 

 

 

Am Großen Ahornboden haben wir einen weiten Rundblick; eine gute Gelegenheit, um in der Landschaft auf Spurensuche zu gehen. Nicht auf die Fährten von Tieren haben wir es heute abgesehen, sondern auf die großen landschaftsgestaltenden Kräfte. Neben geologischen Prozessen ist es vor allem der moderne Mensch, der durch Landwirtschaft, Forstwirtschaft, Tourismus und Naturschutz die Entwicklung des Landschaftsbildes prägt. An die Stelle einer verklärenden „Natur pur“-Pauschalisierung kommen die zukünftigen NaturführerInnen so zu einem differenzierten Verständnis des uns umgebenden Natur- und Kulturraumes. Der über die Landesgrenzen hinaus bekannte Große Ahornboden ist ein beeindruckendes Beispiel dafür, wie eine über Jahrhunderte entstandene Kulturlandschaft nicht nur ästhetisch, sondern auch naturkundlich außerordentlich wertvoll sein kann. Die mehrere Jahrhunderte alten Exemplare des Bergahorns (Acer pseudoplatanus) stellen schon für sich einen Lebensraum dar. Über hundert Pflanzenarten wurden bei einer Untersuchung auf einem einzigen Baum kartiert, und vor allem die Höhlenbrüter unter den Vogelarten finden hier wertvolles Habitat. Ein Problem, das nicht nur die Eng-Alm betrifft, sondern die Tiroler Viehwirtschaft im Allgemeinen, stellt die Eutrophierung der Böden dar, die durch den Import der Futtermittel zustande kommt. Auf solcherlei überdüngten Wiesen setzen sich wenige konkurrenzstarke Pflanzenarten durch, wie etwa der Scharfe Hahnenfuß (Ranunculus acris).

Der Große Ahornboden

Diskussion unter historischem Bergahorn

 

 

 

 

 

 

 

Am Nachmittag gilt unsere Aufmerksamkeit ganz der Pflanzenwelt. Mit Botanikerin Vera Margreiter beschäftigen wir uns mit verschiedenen Annäherungen zur pflanzlichen Vielfalt. Die Fragen beim Kennenlernen lassen sich direkt aus dem gesellschaftlichen Leben übernehmen: „Wie heißt du?“ (Systematik, Name), „Was kannst du?“ (Verwendung, Nutzung) und „Woher kommst du?“ (Vorkommen, Verbreitung). Eine weitere wichtige Grundlage sind die botanischen Grundbegriffe, ohne die ein selbstständiges Bestimmen schwer möglich ist. Auch eine kurze Einführung in den pflanzlichen Lebenszyklus darf nicht fehlen.

Große Sterndolde mit Bestäuber

Vera Margreiter gibt Bestimmungstipps

 

 

 

 

 

 

 

Nach abgeschlossener Theorieeinheit rüsten wir uns mit Lupen aus und wagen uns an die Arbeit mit einfacher Bestimmungsliteratur. Einige Arten hat Vera für uns in Eimern mitgebracht, weitere finden wir auf noch nicht gemähten Wiesenabschnitten unweit unserer Unterkunft. Die Große Sterndolde (Astrantja major), der Gewöhnliche Frauenmantel (Alchemilla vulgaris) und viele mehr werden in Einzelarbeit und Kleingruppen bestimmt. Abends führen wir uns noch die Dauerausstellung im schön gestalteten Naturparkhaus zu Gemüte.

Rotklee, ein Schmetterlingsblütler

Bestimmungsübung

 

 

 

 

 

 

 

Auch am zweiten Tag des Wassermoduls wachen wir mit strahlendem Sonnenschein auf. Darüber freuen wir uns heute besonders, da das Erforschen der Kleintiere im Rißbach auf dem Programm steht. Mit Limnologin Barbara Depisch ist eine Expertin mit von der Partie, die sowohl inhaltlich als auch methodisch viele Tipps für Naturführungen am Wasser auf Lager hat. Da das Bestimmen der Bachorganismen auf Artniveau Fachexperten vorbehalten bleibt, begnügen wir uns hier damit, uns zumindest auf der Ebene der häufigsten biologischen Ordnungen dieser Organismengruppe einen fundierten Überblick zu verschaffen. Durch einfache Merkmalskombinationen fällt eine Zuordnung der Insektenlarven in die Ordnungen Eintagsfliegen (Ephemeroptera), Steinfliegen (Plecoptera), Köcherfliegen (Trichoptera) und die Zweiflügler-Familien Kriebelmücken (Simuliidae) und Lidmücken (Blephariceridae) nicht schwer.

Larven von Stein- und Köcherfliegen

Barbara Depisch mit Blindschleiche

 

 

 

 

 

 

 

Bei der Forschungsexkursion an einen nicht gesperrten Bereich am Rißbach zeigt sich gleich, dass Wasser neben seiner Bedeutung als Lebensraum und -spender auch das menschliche Gemüt schnell aufzuheitern vermag. Nicht nur Kinder werden wie magisch vom kühlen Nass angezogen, auch Erwachsene betätigen sich gerne forschend und spielend am Wasser. Unter der Stereolupe wirken die gesammelten Larven besonders eindrucksvoll. Bestimmungsdetails wie die beweglichen Tracheenkiemen der Eintagsfliegen und die zwei Krallen an den Fußenden der Steinfliegen kommen so gut zur Geltung. Neben Insektenlarven finden wir mit den Strudelwürmern (Turbellaria) auch Organismen, die ihren gesamten Lebenszyklus im Wasser bestreiten. Die Regenerationsfähigkeit dieser evolutionsgeschichtlich alten Lebewesen haben sie zu einem beliebten medizinischen Forschungsobjekt gemacht. Nach den Bestimmungsübungen werden die besprochenen Organismengruppen als Land Art-Objekte mit Naturmaterialien am Bachufer nachgebaut. Das Ertasten von Steinen und das Bauen von Flößen runden einen spannenden Tag am Bach spielerisch ab. Während sich ein Nachmittagsgewitter anbahnt, diskutieren wir im geschützten Seminarraum die ökologischen Begleiterscheinungen der Wasserkraftgewinnung mittels Lauf-, Ausleitungs- und Speicherkraftwerken.

Stereolupe

Land Art Steinfliegenlarve

 

 

 

 

 

 

 

Wassertiere suchen am Rißbach

Mücken-Händelwurz

 

 

 

 

 

 

 

Passend zum naturkundlichen Tagesthema schlägt am dritten Tag in Hinterriß mit der Ankunft einer nassen und kühlen Front auch das Wetter um. Amphibienexpertin Gerda Ludwig führt die Gruppe in die Welt der heimischen Amphibien ein. Obwohl die Artenzahlen im Vergleich zu anderen Tiergruppen hier durchaus überschaubar sind, gibt es von Bestimmungsmerkmalen bis zu Lebensweise, Habitatansprüchen und Gefährdungsstatus viel Interessantes zu erfahren. Wir beschäftigen uns mit der Unterscheidung von Fröschen (Fortbewegung springend) und Kröten (Fortbewegung meist kriechend, warzige Haut, schlitzförmige Pupillen). Auch die Gelege und Kaulquappen von Grasfrosch (Rana temporaria) und Erdkröte (Bufo bufo) sind für das geübte Auge leicht zu unterscheiden. Als Vertreter der Schwanzlurche holen wir eine Larve des Bergmolchs (Ichtyosaura alpestris) aus dem Teich – diese erkennt man leicht an den auffälligen Kiemenbüscheln. Die meisten Grasfrösche und Erdkröten rund um den Teich sind gerade mal daumennagelgroß; erst vor Kurzem haben sie das Laichgewässer verlassen und ihre Atmung an die Bedingungen an Land angepasst. In seiner Lebensweise hat sich der Alpensalamander (Salamandra atra) weitgehend vom Wasser gelöst. Nach bis zu drei Jahren Tragezeit bringt das Weibchen voll entwickelte Jungtiere zur Welt. Die heimischen Amphibienarten sind neben Lebensraumverlust im Zeitalter der Globalisierung auch durch sich rasant ausbreitende Pilzkrankheiten (abgekürzt Bd und Bsal) bedroht. Dies muss bei der Arbeit im Gelände unbedingt berücksichtigt werden, wenn man nicht selbst zum Ausbreitungsvektor werden will. Reptilien bekommen wir bei der nasskühlen Witterung in freier Wildbahn heute keine zu Gesicht – dafür beschäftigen wir uns im Seminarraum mit den vier Echsen- und drei Schlangenarten Tirols.

Gerda Ludwig mit Kescher

Jungtiere im Vergleich

 

 

 

 

 

 

 

Der Grasfrosch versteckt sich

Molchlarve in Becherlupe

 

 

 

 

 

 

 

Am Nachmittag tritt Geologe Magnus Lantschner zur Mission an, Farbe in die zumindest für Laien oft grau anmutende Welt der Gesteinskunde und Gebirgsentstehung zu bringen. Zu diesem Zweck hat er viele selbst gebastelte Materialien und ausgefeilte Methoden mit im Gepäck. Es geht los mit einem Blick zurück auf die 4,6 Milliarden Jahre alte Geschichte unseres Planeten, welche sich als 46 Meter lange gestrickte Schnur vor der Gruppe ausbreitet. Nach und nach werden die Zeitpunkte des Auftretens verschiedener Tier- und Pflanzengruppen markiert, sowie auch die fünf großen Massensterben der bisherigen Erdgeschichte. Spielerisch werden auch die wichtigsten Mechanismen der Evolution abgehandelt. Ein Grundverständnis der wichtigsten erdgeschichtlichen Ereignisse und der sie beeinflussenden Dynamiken ist für ein gutes Verständnis der Gesteinswelt Voraussetzung; im Schichtaufbau von Gebirgen haben sich urzeitliche Vulkanausbrüche genauso verewigt wie das Leben und Sterben kalkbildender Meeresbewohner. Die Kräfte der Konvektionsströmungen im zähflüssigen Erdmantel sorgen dafür, dass die Plattentektonik das Gesicht unseres blauen Planeten ständig verändert. Zur Veranschaulichung lädt Magnus zum Experimentieren mit Wasser, Tinte, Eiswürfeln und Holzklötzen in Glasgefäßen ein – so werden auch schwer vorstellbare erdgeschichtliche Abläufe greifbarer. Ein ebenso kreativer Zugang wird geboten, um einen Einblick in den Deckenaufbau der Alpen und die damit zusammenhängenden Gebirgsauffaltungsprozesse zu erhalten. Von Stoffdecken bis Puzzles hat Magnus keine Mühen gescheut – das lohnende Ergebnis: es gelingt, viel Licht in das bei vielen TeilnehmerInnen vorher noch herrschende geologische Dunkel zu bringen.

Magnus Lantschner an der Zeitschnur

Plattentektonik Experiment

 

 

 

 

 

 

 

Herkunftsorte

Deckenaufbau der Alpen

 

 

 

 

 

 

 

Am Sonntagmorgen gibt es nach einem Ortswechsel auf das Seefelder Plateau ein Wiedersehen mit Magnus. Am Reither Moor wollen wir uns mit der Entstehung von Mooren auseinandersetzen. Da diese eng mit der Klimageschichte des Alpenraumes verknüpft ist, und diese wiederum mit den astronomischen Bewegungen des Erdballs, wird zuerst inhaltlich ausgeholt. Von einem serbischen Mathematiker namens Milutin Milanković kommen wir zum so genannten eiszeitlichen Hobel, welcher die Alpentäler bearbeitet hat. Erst nach Abklingen der letzten großen Vergletscherungsperiode konnten besonders am niederschlagsreichen Alpennordrand nacheiszeitliche Seen zu Niedermooren verlanden. In der weiteren Entwicklung sorgt das Wachstum der Torfmoose (Sphagnum sp.) für eine uhrglasförmige Aufwölbung des Torfkörpers – das Moor steht irgendwann nicht mehr mit dem Grundwasser in Verbindung und wird zum Hochmoor oder Regenmoor. Moore sind als Kohlenstoffspeicher nicht nur für den Klimaschutz von großer Bedeutung, sondern auch als einzigartiger Lebensraum für hochspezialisierte Tier- und Pflanzenarten. In einem Übergangsmoor, in dem Wollgräser das Bild bestimmen, finden wir einen kleinen Abschnitt mit einer typischen Hochmoor-Pflanzengesellschaft: neben den Torfmoosen wachsen dort die Rosmarinheide (Andromeda polifolia), die Gewöhnliche Moosbeere (Vaccinium oxycoccos) und als Höhepunkt der fleischfressende Rundblättrige Sonnentau (Drosera rotundifolia). Zum Abschluss erproben die TeilnehmerInnen noch die Arbeitsweise von PalynologInnen: in einem „Moor-Krimi“ soll anhand der Auswertung des Anteils verschiedener Pollenkörner die Vegetationsgeschichte rund um das Moor seit der letzten Eiszeit rekonstruiert werden.

Eiszeitspuren

Sonnentau in Hochmoor-Pflanzengesellschaft

 

 

 

 

 

 

 

Wollgras

Pollenforscher

 

 

 

 

 

 

 

Da Menschen, die in der Naturvermittlung tätig sind, immer wieder mit Naturschutzthemen konfrontiert werden, darf auch eine Einheit zu diesem Thema im Tiroler Naturführerkurs nicht fehlen. Andreas Jedinger hat sich in seiner Laufbahn als Biologe nicht nur als Geschäftsführer dem Verein Natopia und der Naturpädagogik verschrieben, sondern bringt auch einiges an Praxiserfahrung aus der Naturschutzarbeit mit. Er klärt zuerst wichtige biologische Grundbegriffe, auf denen aufbauend eine ernsthafte Auseinandersetzung mit den naturkundlichen, politischen, wirtschaftlichen und juristischen Aspekten des Naturschutzes stattfinden kann. Das Verständnis verschiedener ökologischen Faktoren und Konkurrenzstrategien macht deutlich, dass Artenschutz auch immer mit Lebensraumschutz einhergehen muss. Kein Organismus kann auf Dauer bestehen, wenn ihm seine ökologische Nische abhandenkommt. Der kurze Einblick in den Ablauf eines Naturschutzverfahrens lässt erahnen, dass der politische Alltag zäh ist und Naturschutz-Erfolge oft das Ergebnis mühsamer Kämpfe und langwieriger Verhandlungen sind. Die schöne Moorlandschaft um uns herum in einer touristisch hochentwickelten Gegend erinnert uns hingegen daran, dass es den Einsatz wert ist!

Diskussion mit Andreas Jedinger

Arbeit in Kleingruppen

 

 

 

 

 

 

 

Besucherlenkung im Moor

Populationsdynamik