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Beitragsbild Wald

Den Wald mit neuen Augen erleben – Tiroler Naturfüherkurs Modul 2 in Umhausen, Naturpark Ötztal, 23.-26. Juli 2020

Bevor wir ins Ötztal reisen, beginnen wir das Modul zum Lebensraum Wald an einem für Tirol einzigartigen Standort. Die angehenden Naturführerinnen und Naturführer treffen sich beim Naturdenkmal Stamser Eichenwald. Eine Kombination von Faktoren, darunter die Besitzverhältnisse und die Schutzwaldfunktion, hat dazu geführt, dass sich hier ein Relikt der Hartholz-Trockenau erhalten konnte. Dieser Lebensraumtyp ist anderswo im Inntal längst der Besiedelung und Gewinnung von Landwirtschaftsflächen zum Opfer gefallen. Jahrhundertealte Stiel-Eichen erfreuen hier genauso das Auge wie imposante Winter-Linden und seltene Berg-Ulmen.

Bodenökologin Julia Seeber von der Universität Innsbruck lenkt zum Einstieg in die Waldeinheit die Aufmerksamkeit nach unten. Bevor wir den Boden auf seine Bewohner hin untersuchen, werden die Grundlagen der Bodenbildung erklärt. Im Alpenraum blicken die Böden auf eine höchstens 10.000-jährige Geschichte zurück – den eiszeitlichen Hobel hat kein vorher entstandener Boden überstanden. An unserem Standort im Schatten der Stamser Eichen muss die Bodenbildung auch in jüngerer Vergangenheit immer wieder gestört worden sein. Bei einer Probe-Profilgrabung stoßen wir schon bald unterhalb des organischen Auflagehorizontes auf grobes Geröll. Trotz geringer Bodenmächtigkeit scheint die Streuschicht jedoch gut belebt zu sein. Beste Voraussetzungen für eigenständiges Erforschen!

Julia Seeber beim Erklären

Streuauflage

 

 

 

 

 

 

 

Mit einfachster Ausrüstung machen wir uns daran, die dicke Laubstreu des Eichenmischwaldes genauer unter die Lupe zu nehmen. Bevor aber das große Suchen losgehen darf, wird die Geduld der TeilnehmerInnen noch etwas auf die Folter gespannt. Damit später eine eigenständige Zuordnung der eigenen Funde zu den auf der natopia-Bodentiere-Plane abgebildeten Tiergruppen möglich ist, müssen zuerst die Grundbegriffe geklärt und die wichtigsten Kategorien abgesteckt werden. Von Regenwürmern, Fadenwürmern, Schnecken, Zweiflüglerlarven über die verschiedenen Insektengruppen bis hin zu Spinnentieren und Tausendfüßern reicht die Palette der typischerweise zu erwartenden Funde.

Es sind nicht nur die oft zitierten Regenwürmer, die durch ihre Lebensweise als Destruenten und Bioturbatoren viel zur Funktion und Gesundheit der meisten terrestrischen Lebensräume beitragen und auch für den landwirtschaftstreibenden Menschen von enormer Bedeutung sind. Eine ganze Schar von Organismengruppen in der Streu und im Boden ist zu unterschiedlichen Zeitpunkten am Abbau der anfallenden toten organischen Substanz beteiligt. Wir finden zum Beispiel verschiedene Vertreter der Gruppe der Tausendfüßer (Unterstamm Myriapoda): einen pflanzenfressenden Schnurfüßer (Julida) und einen Bandfüßer (Polydesmus sp.), die mit ihren  zwei Beinpaaren pro Körpersegment zu den Doppelfüßern (Ordnung Diplopoda) gehören. Dort einzuordnen sind auch die Saftkugler (Glomeridae), die sich bei Gefahr zu einer kleinen harten Kugel formen können – der erste Teil ihres Namens hingegen kommt von dem leicht giftigen und klebrigen Saft, mit dem sie sich wehren. Wir haben die Möglichkeit zum direkten Vergleich mit Asseln (Ordnung Isopoda). Diese sehen auf den ersten Blick ähnlich aus, haben aber eine ganz andere Verwandtschaft – als landlebende Krebstiere sind sie an sehr hohe Luftfeuchtigkeit gebunden und finden sich daher niemals im ungeschützten Sonnenlicht. Auch die auffälligen räuberischen Vertreter der Tausendfüßer bleiben unserem Forscherblick nicht verborgen: der Steinläufer (Lithobius sp.) geht auf aktive Beutejagd und überwältigt die Beute mit seinem Gift. Ganz harmlos ist hingegen der winzige Pseudoskorpion (Ordnung Pseudoscorpiones), der die Palette der Funde abrundet.

Auf Tuchfühlung mit Weinbergschnecke

Blattzersetzungsstadien

 

 

 

 

 

 

 

In der artenreichen Klasse der Insekten bilden wiederum die Käfer (Coleoptera) jene Ordnung, welche die weltweit größte Artenvielfalt (350.000 beschriebene Arten!) aufweist. Wir stoßen unter anderem auf einen Laufkäfer (Carabus sp.) und die „Drahtwürmer“ genannten und bei Bauern gefürchteten Larven der Schnellkäfer (Familie Elateridae): der Saatschnellkäfer (Agriotes lineatus) kann bedeutende Ausfälle im Getreide- oder Kartoffelanbau bewirken. Der Hirschkäfer (Lucanus cervus), eine biologische Rarität in Stams nach erfolgreichem Wiederansiedelungsprojekt, bleibt unserem Forscherblick verborgen. Eine Größenordnung kleiner, aber nicht weniger faszinierend, sind die winzigen Springschwänze (Klasse Collembola), die als Indikator für eine lockere Bodenstruktur gelten. Genauso wie die Felsenspringer (Archaeognatha) gehören sie zu den ursprünglicheren Entwicklungslinien unter den Insekten („Ur-Insekten“).

Nach einer stärkenden Mittagspause unter alten Bäumen sind wir mit Andreas Pohl, Leiter der Bezirksforstinspektion Imst, verabredet. Mit ihm drehen wir eine Runde durch das Gebiet des Naturdenkmals – diesmal gilt die Aufmerksamkeit in erster Linie forstlichen Aspekten, und dem Standort entsprechend den Bemühungen im Schutzgebietsmanagement. Wir halten uns nicht lange bei reiner Theorie auf, praktische Aspekte und die großen fortwirtschaftlichen Herausforderungen unserer Zeit werden thematisiert. Andreas lenkt den Blick der Gruppe auf einen schwer in Mitleidenschaft gezogenen Schutzwald hangseitig südlich von Stams. Die Fichte (Picea abies) ist besonders außerhalb ihres natürlichen Verbreitungsgebietes anfällig für Windwurf und Schädlingsbefall – ganze elf Hektar sind hier schwer betroffen. Daher gilt seit einigen Jahren verschiedenen Laubbaumarten vermehrte Aufmerksamkeit der Bezirksforstinspektion und anderer forstlicher Akteure. Im relativ trockenen Oberinntal die Weichen für einen klimafitten Wald zu stellen, dafür brennt Andreas.

Andreas Pohl mit Schautafel.

Beeinträchtigter Schutzwald

 

 

 

 

 

 

 

Eine weitere forstliche Herausforderung in Bezug auf den Paradigmenwechsel hin zu mehr Laubholzanteil und Tannenanteil in den Tiroler Wäldern sind die Schäden durch Wildverbiss. Erhöhte Wildbestände, die weit weniger mediale Aufmerksamkeit erhalten als Wolf und Bär, sorgen dafür, dass sich die vom Wild geschätzte Tanne (Abies alba) und Laubgehölze sich oft natürlich kaum verjüngen können. Hier im Stamser Eichenwald hat man das Problem kleinflächig durch Umzäunungen gelöst. Auf einem Spaziergang gehen wir die wichtigsten Laubbaumarten dieses Standortes durch. Namensgebend und den Blick bestimmend ist die Stiel-Eiche (Quercus robur syn. pedunculata). Auch einige Winter-Linden (Tilia cordata) erreichen hier stattliche Ausmaße. Im vielfältigen Unterholz beschäftigen wir uns mit den Unterscheidungsmerkmalen von Sommerlinde (Tilia platyphyllos), Gemeiner Esche (Fraxinus excelsior), Bergahorn (Acer pseudoplatanus), Traubenkirsche (Prunus padus), Faulbaum (Rhamnus frangula), Grauerle (Alnus incana), Bergulme (Ulmus glabra), Walnuss (Juglans regia) und Vogelbeere oder Eberesche (Sorbus aucuparia). Auf sonnigeren Rand- und Verjüngungsflächen stoßen wir auf berüchtigte invasive Neophyten. Die Kanadische Goldrute (Solidago canadensis) öffnet gerade erst die ersten Blüten, während sich beim Drüsigen oder Indischen Springkraut (Impatiens glandulifera) bereits der Öffnungsmechanismus demonstrieren lässt, der beim Berühren der Samenstände ausgelöst wird.

Mächtige Stiel-Eiche

Naturdenkmal Stamser Eichenwald

 

 

 

 

 

 

 

Zum Einchecken im Hotel Explorer und Abendessen in Umhausen bleibt nicht so viel Zeit, denn Abends sind wir noch mit Thomas Schmarda, Geschäftsführer des Naturpark Ötztal, verabredet. Wir lassen uns auch vom Straßenkonzert der Musikkapelle Längenfeld, welches die Anreise zum neu errichteten und gestalteten Naturparkhaus vorübergehend verunmöglicht, die Laune nicht verderben. Auch Thomas hat Nachsicht mit uns Verspäteten und stürzt sich sofort in Ausführungen über die Herausforderungen und Befriedigungen des Naturpark-Managements. Die liebevoll gestaltete Dauerausstellung mit vielen naturkundlichen Schnitzobjekten begeistert die KursteilnehmerInnen – und macht auch Thomas noch sichtlich stolz.

Geschnitztes Lamm

Thomas Schmarda im Naturparkhaus

 

 

 

 

 

 

 

Für die Beschäftigung mit Wald- und Naturpädagogik am nächsten Tag begeben wir uns zum Forchet, einen von knorrigen Rot-Föhren (Pinus sylvestris) bestimmten Bergsturzwald bei Sautens am Eingang des Ötztals. Johannes Rüdisser vom Institut für Ökologie der Universität Innsbruck hat neben seiner wissenschaftlichen Tätigkeit auch sehr weitläufige Erfahrungen im Bereich der Umweltbildung und Naturvermittlung gemacht, von Schulklassenführungen mit natopia bis hin zur Entwicklung und Begleitung neuer Umweltbildungsprojekte (u.a. „Viel-Falter“). Am Samstag Vormittag erwartet er die Gruppe am Sautener Festplatz, um Impulse für die naturpädagogische Arbeit mit Gruppen von Kindern und Erwachsenen zu bieten. Es handelt sich dabei um erlebnis- und erfahrungsorientierte Zugänge, bei denen die Vermittlung von Wissen und Fähigkeiten in ein breites Sammelsurium von Methoden auf verschiedenen Ebenen eingebunden ist. Die TeilnehmerInnen werden eingeladen, sich auf die Aktionen einzulassen, sie im Probedurchlauf zu genießen und von der Möglichkeit dieser Innenperspektive zu profitieren – eine wichtige Basis für jene, die ähnliche Methoden in ihrer Arbeit mit Gruppen anzuwenden gedenken. Johannes betont auch, dass sich die Eignung und Notwendigkeit von Natur- und Waldpädagogik gewiss nicht auf Kinder als Zielgruppe beschränkt: Der Tag wird ihm Recht geben! Es wird gerannt, gespielt, gerochen, gelauscht, gebastelt und gelacht… und dazwischen gibt es immer wieder Gelegenheit, das Erlebte einzuordnen und zu reflektieren.

Stendelwurz im Forchet

Johannes Rüdisser in Aktion

 

 

 

 

 

 

 

Der Vormittag steht ganz im Zeichen der Sinneswahrnehmung. Nach einem Namenswettlauf zur Aufwärmung gilt es beim Waldmemory, sich möglichst viele Naturgegenstände zu merken und in der nahen Umgebung wiederzufinden. Diese werden anschließend besprochen und von der Gruppe zu einem Mandala aufgelegt – ein biologisch abbaubares Naturkunstwerk, in konzentrischen Kreisen angeordnet. Der anschließende Tarnpfad erfordert höchste Konzentration, um so viele getarnte Kunststofftierchen wie möglich in der Vegetation zu erspähen. „Ohren auf!“ heißt es bei der Geräuschelandkarte. Während einer meditativ anmutenden Ruhephase werden alle wahrgenommenen Geräusche auf einem Stück Papier vermerkt – eine Einladung, einmal genauer als üblich hinzuhören. Außerdem eine ideale Vorbereitung für die nächsten Aktivitäten, bei der eine Person im Zweierteam die andere mit verbundenen Augen führt – und das sogar weitgehend kontaktlos! Zuerst geht es darum, einen ertasteten Baum im Anschluss mit offenen Augen unter vielen wiederzuerkennen. Anschließend führt ein Fotograf seine menschliche Kamera spazieren und stellt sie auf verschiedene Naturschnappschüsse ein. Das Erlebte wird in der Gruppe reflektiert und die Eignung verschiedener Methoden in unterschiedlichen Kontexten diskutiert.

Entspannung mit der Geräuschelandkarte

Blinde Führung

 

 

 

 

 

 

 

Am Beginn des Nachmittags wird das Konzept „Flow Learning“ des US-amerikanischen Naturpädagogik-Pioniers Joseph Cornell vorgestellt – es bildete das konzeptuelle Gerippe hinter der durchdachten Abfolge von Methoden, die den TeilnehmerInnen einen kurzweiligen und doch bereichernden Vormittag boten. Weiter geht’s im Zeichen der Schmetterlinge: Johannes stellt das Projekt „Viel-Falter“ (Monitoring heimischer Tagfalter unter Miteinbeziehung interessierter Laien) vor und lädt zu einem einfachen Spiel daraus ein, bei dem die wichtigsten heimischen Tagfalterarten vermittelt werden. In weiterer und heiterer Folge werden die TeilnehmerInnen in einer Reihe von Naturerlebnisspielen in Eulen, Krähen, Amseln, Fledermäuse und Nachtfalter verwandelt. Wir nehmen viele Anregungen für die Bereicherung der eigenen Tätigkeit mit.

Botaniker Christian Anich vom Tiroler Landesmuseum lenkt unsere Aufmerksamkeit am Samstag Vormittag auf eine Pflanzengruppe, die oft stiefmütterlich und verallgemeinernd behandelt wird: Erst auf den zweiten Blick und mit Hilfe einiger wichtiger Hinweise vom Experten in Bezug auf Unterscheidungsmerkmale tritt in den grünen Moospolstern eine Vielfalt zutage, die den meisten bisher verborgen blieb. Aufgrund ihrer Lebensweise sind Moose sehr stresstolerant und können schwierige Standorte, etwa mit angespanntem Wasserhaushalt, besiedeln. Wir besprechen die Untergruppen (Laubmoose, Lebermoose, Hornmoose) sowie Unterschiede zu den Samenpflanzen in Aufbau und Vermehrung. Bei einer Übung im Seminarraum gilt es, die Moose nach Arten richtig zu sortieren. Die Vielfalt der von Christian mitgebrachten und von den TeilnehmerInnen später aus dem Wald bei der Ötztaler Ache zusammengetragenen Moose ist faszinierend, jedoch ist es auf Anhieb auch mit Lupe gar nicht leicht, die vielen neu erlernten Arten sicher und richtig zu bestimmen und wiederzufinden.

Christian Anich im Element

Schau genau

 

 

 

 

 

 

 

Also entscheiden wir uns, den Blick zu fokussieren, und stellen eine Liste der häufigsten und bedeutendsten heimischen Arten auf, die auch Laien gut wiedererkennen können. Das Torfmoos (Sphagnum sp.) seine kulturgeschichtliche und ökologische Bedeutung sind uns bereits bei Modul 1 im Hochmoor untergekommen. Aus dem Haarmützenmoos (Polytrichum commune) wurden früher sogar als Schiffstaue verwendete Mooszöpfe geflochten. Das Etagenmoos (Hylocomium splendens) macht mit seinen stockwerkartigen Jahrestrieben seinem Namen alle Ehre. Die Schlafmoose der Gattung Hypnum besiedeln oft mattenartig die Basis von Baumstämmen und laden zum Verweilen ein. Der an lichteren Standorten vorkommende Große Runzelbruder (Rhytidiadelphus triquetrus) hingegen raschelt beim Betreten und ist daher auch als Raschelmoos bekannt. Zur Gattung der Kammmoose gehört unter anderem das Straußenfedermoos (Ctenidium molluscum). Die Gabelzahnmoose (Dicranum sp.) bilden in der Regel große Polster, während manche Lebermoose (Abteilung Marchantiophyta) vom Habitus her eher an Flechten erinnern. Ihr Name kommt aus der Tradition der Signaturenlehre („Ähnliches heilt Ähnliches“), Marchantia sp. wurde etwa bei Leberleiden eingesetzt.

Suchen mit Steckbrief

Mooslandschaft

 

 

 

 

 

 

 

Die Bedeutung von Moosen in der Medizin ist heute als gering einzustufen. Umso wertvoller ist ihre ökologische Rolle als Pionierbesiedler. Von unmittelbarer Bedeutung für den Menschen: Durch ihre ausgeprägte Fähigkeit zur Wasserspeicherung bilden sie einen natürlichen Hochwasserschutz und können sowohl Niederschlags- als auch Temperaturextreme abpuffern. Auch die sinnliche Erfahrung eines Moosbettes im Wald an einem warmen Sommertag ist unbezahlbar.

Den Nachmittag mit Forstkundler und Botaniker Manfred Hotter verbringen wir wieder in verschiedenen Waldstandorten in unmittelbarer Nähe der rauschenden Ötztaler Ache. Diesmal gilt unsere Aufmerksamkeit jedoch in erster Linie den so genannten höheren Pflanzen und ihrer Ökologie. In einer Einführung erfahren wir, welche Faktoren dazu führen, dass sich unter natürlichen Bedingungen je nach Standort spezifische Waldgesellschaften ausbilden. Diese kennzeichnen sich jeweils durch eine typische Baumarten- und Unterwuchszusammensetzung. Was die klimatischen Wuchsgebiete betrifft, gibt es die grobe Unterscheidung zwischen den niederschlagsreicheren Randalpen und den trockeneren inneralpinen Zonen mit größeren Temperaturschwankungen. Diese großräumigen Klimafaktoren bedingen die potentielle natürliche Verbreitung der Hauptbaumarten in Tirol. Der aktuelle Flächenanteil ist natürlich stark von der historischen und aktuellen forstwirtschaftlichen Nutzung beeinflusst (Fichte 58%, Lärche 7%, Buche 5%, Kiefer 4%, Tanne 3%, Zirbe 2%). Insgesamt kommt Tirol auf 9 heimische Nadelbaum- und 37 Laubbaumarten.

Manfred Hotter Waldvortrag

Wald-Habichtskraut

 

 

 

 

 

 

 

Mit einem Pürckhauer-Bohrstock versuchen Freiwillige aus der Gruppe, einen Boden-Bohrkern zur Analyse der Horizonte zu entnehmen. Trotz vermehrter Anläufe ist immer wieder nach wenigen Schlägen Schluss. Grober Gneisschotter verhindert ein weiteres Durchbrechen. Wir stehen auf einem geringmächtigen verbraunten Auboden. Die Wasserspeicherung findet hier hauptsächlich in der Humusschicht statt, der Mineralboden ist dafür zu sandig. Die Zwergsträucher aus der Familie der Heidekrautgewächse (Ericaceae), die den Unterwuchs an diesem Standort dominieren, sind bestens an diese sauren und relativ nährstoffarmen Bedingungen angepasst: wir lernen Besenheide (Calluna vulgaris), Preiselbeere (Vaccinium vitis-idaea) und Heidelbeere (Vaccinium myrtillus) sicher zu unterscheiden. Letztere lädt sogar zum ausgiebigen Naschen ein, genauso wie die an lichteren Stellen wachsende Walderdbeere (Fragaria vesca). Dazwischen wachsen Fuchs‘ Knabenkraut (Dactylorhiza fuchsii), Wald-Habichtskraut (Hieracium sylvaticum syn. murorum), Kleines Habichtskraut (Hieracium pilosella), Wald-Engelwurz (Angelica sylvestris) und Breitblättriger Thymian (Thymus pulegioides).

Der geologische Untergrund eines Standorts wirkt sich auf den Wasser- und Nährstoffhaushalt des Bodens und somit auf die Zusammensetzung der Vegetation aus. Manche Arten sind an kalkhaltigen Untergrund angepasst, andere gedeihen besser auf Silikat. Die Generalisten kommen mit beidem zurecht. Ein Test mit 10%-iger Salzsäure kann Zweifel beseitigen. Die Vergleichsprobe Kalkschotter vom Forstweg schäumt deutlich (das Calciumcarbonat wird durch die Wirkung der Säure aufgelöst, Kohlendioxid entweicht), der silikatische Mineraluntergrund des Aubodens zeigt hingegen keine Reaktion.

Bohrstock auf Preiselbeeren

Männer- und Frauenfarn

 

 

 

 

 

 

 

Am eindeutig frischeren Hangfuß im Blockwald zeigt sich ein anderes Bild, was die Waldbodenvegetation betrifft. Hier finden wir Sauerklee (Oxalis acetosella) zum Kosten neben Mauerlattich (Mycelis muralis). Männerfarn oder Echter Wurmfarn (Dryopteris filix-mas) und Frauenfarn oder Waldfarn (Athyrium filix-femina) laden zur Bildung verschiedener Eselsbrücken ein, die Rhizome des als „Engelssüß“ bezeichneten Tüpfelfarns (Polypodium vulgare) sorgen mit ihrem intensiv süßen Geschmack für erstaunte Gesichter, und dem Eichenfarn (Gymnocarpium dryopteris) scheint das Fehlen von Eichen in der Umgebung nichts auszumachen. Hier lässt sich mit der Haue ein charakteristisches Bodenprofil für den Tiroler Bergwälder freilegen. Eine klare farbliche Horizontgliederung ist bei diesem kargen Gebirgsbodentyp namens Podsol (Bleichboden) erkennbar. Die Huminsäuren der obersten Bodenschichten bewirken eine Auswaschung im darunterliegenden Bleichhorizont. Der Anreicherungshorizont noch weiter unten erhält durch den hohen Eisenanteil eine kräftig rote Farbe. In Flussnähe gibt es Gelegenheit, ein Wurzelstück einer Grau-Erle (Alnus incana) freizulegen: Die Knöllchen, in denen die Stickstoff-fixierenden Wurzelbakterien leben, sind mit freiem Auge gut zu erkennen.

Kein Lebensraum eignet sich so gut zur Verdeutlichung und direkten Beobachtung der Kreisläufe des Lebens wie der Wald. Auf engstem Raum treffen zumindest in naturnahen Wäldern Geburt und Tod, Wachstum und Sterben, Zersetzung und Erneuerung aufeinander. Pilze spielen eine bedeutende Rolle in diesen Stoff- und Energiekreisläufen. Während wenige bekannte Speisepilze wie Steinpilz und Pfifferling sich großer Bekanntheit erfreuen, und einige Arten wie der giftige Fliegenpilz oder der potentiell tödliche Grüne Knollenblätterpilz als Kuriositäten bekannt sind, führen die meisten Arten des Waldes ein Schattendasein außerhalb unserer Wahrnehmung. Mykologe (Pilzexperte) Mag. Eberhard Steiner von den Tiroler Universitätskliniken verbringt den Sonntag mit uns, um Licht in dieses Dunkel zu bringen. Er versteht es, unscheinbare und weniger auffällige Arten mit spannenden Geschichten und viel Humor zu vermitteln. Bei der nachmittäglichen Exkursion wird schnell klar, dass es mehr als nur Risotto-Zutaten zu entdecken gibt.

Eberhard Steiner ist nicht zu bremsen

Pilzsammlung

 

 

 

 

 

 

 

Davor aber gibt es noch eine ausführliche Einführung in die faszinierende Welt der Pilze und Flechten. Mit allerlei Anschauungsmaterial im Gepäck sorgt Eberhard für so manchen Aha-Moment. Wurden vor einigen Jahrzehnten Pilze in der Biologie noch als Pflanzen ohne Chlorophyll (Blattgrün) kategorisiert, bilden sie mittlerweile neben den Tieren und Pflanzen ein eigenes drittes Reich innerhalb der sogenannten eukaryotischen Lebensformen (darunter versteht man Lebewesen mit einem echten Zellkern, im Unterschied zu den prokaryotischen Bakterien und Archeen). Die Verwandtschaft mit den Tieren ist sogar enger als jene mit den Pflanzen. Viele Eigenschaften teilen sie mit ersteren (Ernährung durch organische Nährstoffe ihrer Umgebung, Glykogen als Speicherstoff), andere wiederum mit Pflanzen (Vorhandensein von Zellwänden und Vakuolen). Außerdem erfahren die TeilnehmerInnen Grundlagen zur Lebensweise, Vermehrung, Nutzung und kulturgeschichtlichen Bedeutung von Pilzen. Immer wieder werden angemessene Antworten auf die bei Pilzexkursionen am häufigsten auftauchenden Fragen seitens interessierter Laien diskutiert.

Optisch und auch haptisch beeindruckend sind die Baumpilze, die Eberhard als Anschauungsmaterial mitgebracht hat. Der bekannte, aber bei uns recht seltene Zunderschwamm (Fomes fomentarius) ist auf geschwächten Buchen- oder Birkenstämmen zu finden, sowie zusammen mit dem Birkenporling (Fomitopsis betulina) in Ötzis Transalp-Gepäck. Den häufigeren, aber nicht minder beeindruckenden Rotrandigen Baumschwamm oder Fichtenporling (Fomitopsis pinicola) findet man in Tirol häufiger. Der als Apothekerpilz bekannte Lärchenbaumschwamm (Laricifomes officinalis) wurde früher zur Herstellung von Medizin verwendet und war sehr geschätzt.

Krustenflechten auf Stein

Stäublinge

 

 

 

 

 

 

 

Im Zuge der nachmittäglichen Exkursion beschäftigen wir uns auch mit Flechten. Diese Bezeichnung steht für eine symbiotische Lebensgemeinschaft zwischen einem oder mehreren Pilzen und einer oder mehreren Photosynthese betreibenden Partnerarten (diese Rolle nehmen Grünalgen oder Cyanobakterien/Blaualgen ein). In der biologischen Systematik werden sie zwar im Reich der Pilze geführt, nehmen dort aber als eigene Lebensform eine Sonderstellung ein. Der Pilz bildet mit einem Geflecht aus Pilzfäden (Hyphen) den Körper der Flechte, innerhalb dessen die Photosynthese betreibenden und somit den Pilz miternährenden Algenpartner vergleichsweise gute Lebensbedingungen vorfinden – eine klare Win-Win-Situation. Ihr spezieller Aufbau und Stoffwechsel ermöglicht es Flechten, Lebensräume und Kleinstandorte mit schwierigen Bedingungen zu besiedeln und lange Zeit unter Extrembedingungen zu überdauern (im Versuch überlebten sie sogar zwei Wochen im All!). Wir treffen wir auf eine Reihe verschiedener, schwer zu bestimmender Krustenflechten auf der Oberfläche eines Steines, darunter die bekannte Landkartenflechte (Rhizocarpon geographicum). Mit am bekanntesten in der Formgruppe der Strauchflechten sind wohl die Baumbärte der Gattung Usnea und die Rentierflechten der Gattung Cladonia. Die Wolfsflechte (Letharia vulpina) mit ihrer für Säugetiere giftigen Vulpinsäure wurde für Vergiftungszwecke eingesetzt.

Von den bekannteren Speisepilzen sind Pfifferlinge (Cantharellus cibarius) und der Riesen-Schirmling oder Parasol (Macrolepiota procera) zu finden. Abseits der Speiseabsichten tragen die KursteilnehmerInnen ein buntes Sammelsurium verschiedener Täublinge, Röhrlinge, Blättlinge, Ritterlinge, Stäublinge, Lorcheln und Korallenpilze zusammen. Eberhard weiß auch die jüngeren Individuen meist sicher zu bestimmen, rät interessierten Laien allerdings unbedingt zur Vorsicht. „Ein Korb für die Küche, und einer für die Wissenschaft“, so könnte die Devise lauten – und nicht zögern, den Rat qualifizierter ExpertInnen einzuholen.

Vorübergehend mag es einigen im Kurs so ergehen, dass sie den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sehen. Doch zweifelsohne sind das viele neue Wissen und die verschiedenen erworbenen Blickwinkel eine Einladung, achtsam und entschleunigt durch den Wald zu spazieren, und das Waldwissen stetig auszubauen und zu festigen. Dafür nehmen wir uns die Kraft und Beständigkeit des Stuibenfalls als prägende Erinnerung aus Umhausen mit nach Hause. Danke an alle, die zu unserem angenehmen Aufenthalt hier beigetragen haben.

Stuibenfall-Regenbogen