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Überlebenskünstler am Großglockner – Tiroler Naturführerkurs 2021 im Nationalpark Hohe Tauern

Die Hohen Tauern rufen zur Abschlussrunde des heurigen Naturführerkurses vom 1. bis zum 4. Juli in Kals am Großglockner! Nachdem wir in den ersten Kursmodulen zu den Lebensraumschwerpunkten Wasser, Wald und Wiese in drei der fünf Tiroler Naturparke zu Gast waren, darf zum Abschluss auch die „Königsklasse der Schutzgebiete“ nicht fehlen. Der Nationalpark Hohe Tauern bietet ein grandioses Setting, um sich mit den speziellen Anpassungen von Gebirgspflanzen und -tieren zu beschäftigen. Außerdem lädt das zumindest unter Geologen weltweit bekannte Tauernfenster uns dazu ein, nochmal die Grundlagen der Geologie zu vertiefen – mit besonderem Augenmerk auf die metamorphen Umwandlungsgesteine, die für die Region so charakteristisch sind. Und weil Inhalte nicht alles sind, gibt Kommunikationsprofi Martin Krejcarek den angehenden Naturführer:innen wertvolle Tipps zu Gruppenleitung und Veranstaltungsaufbau mit auf ihre beginnende Laufbahn.

Am Donnerstag gibt es ein Wiedersehen mit dem aus dem ersten Modul bekannten und berüchtigten Geologie-Methodenprofi Magnus Lantschner. Zur Einstimmung lädt er die Kursteilnehmer:innen ein, mit geschlossenen Augen tief in die Gesteinswelt einzutauchen – inklusive der damit verbundenen relevanten zeitlichen Dimensionen. Magnus erzählt im Zeitraffer den Werdegang eines der geologischen Aushängeschilder der Hohen Tauern. So vergehen in wenigen Minuten gut 150 Millionen Jahre, bis der grüne Serpentinit nach einer langen Reise durch die Erdkruste vor „nur“ 5-10 Millionen Jahren erstmals ans Sonnenlicht kommt. Wie ein Korken schnellen die Gesteine des Tauernfensters in die Höhe und schlussendlich an das Licht der Welt, nur eben mit den Geschwindigkeiten, die nur in der Geologie selbstverständlich sind – bei dieser Aufwärtsbewegung gehen Fachleute von etwa einem Millimeter pro Jahr aus. Von einem Aussichtsplatz mitten in Kals vor unserem Basilager Ködnitzhof bietet sich eine Aussicht, die in geologischer Hinsicht lehrbuchreif ist: Der Rasegg-Schwemmfächer auf der gegenüberliegenden Talseite stellt fast einen idealisierten Prototyp für einen alpinen Schwemmkegel dar. Landschaftselemente wie dieses erzählen von einer relativ jungen Talgeschichte (Geolog:innen denken natürlich in anderen Zeiträumen!). Die umgestaltenden Kräfte einer Eiszeit würde ein derartiger Schwemmkegel nicht überdauern, da es sich nur um eine riesige Ansammlung aus losem Schuttmaterial handelt. Wie diese Kräfte im Landschaftsbild sichtbar werden, zeigen verschiedene Karten mit typischen Eiszeitspuren: Bergsturz, Kar, Trogschulter, Nunatak, Hängetal, U-Tal und ehemalige Seen laden zu einer vertieften Auseinandersetzung mit der Geschichte der Landschaft ein.

Magnus Lantschner, Alpenentstehung

Exkursionsziel Dorfertal

 

 

 

 

 

 

Nach dem kurzen Einstieg im Dorfzentrum fahren wir in Richtung Dorfertal. Die Geschichte der verhinderten Flutung dieses Tals für einen Speichersee ist eng mit der Gründung des Nationalparks Hohe Tauern verwoben. Wir erfahren, dass besonders die Kalser Frauen eine entscheidende Rolle als Aktivistinnen gegen das energiewirtschaftliche Megaprojekt spielten – und haben im Tagesverlauf noch Gelegenheit, uns das Dorfertal im verbauten und überfluteten Zustand vorzustellen. Bevor wir uns auf die geologische Wanderung machen, stellt Magnus noch seine „eierlegende Wollmilchsau der Alpenentstehung“ vor. Damit meint er den Versuch, auf einer einzigen mehrere Meter langen Bodenplane all jene erdgeschichtlichen Zeitalter mitsamt der wichtigsten Organismen, Ablagerungs- und Auffaltungsprozesse bildhaft darzustellen, die für die Alpen und ihre Gesteine von Bedeutung sind.

Am Einstieg der Daba-Klamm, die aufgrund der natürlichen Verengung am Eingang für Kraftwerksbetreiber noch Ende des vorigen Jahrhunderts geradezu prädestiniert für eine Staumauer schien, bekommen die Kursteilnehmer:innen noch zwei Aufgaben für die Wegstrecke durch die Schlucht, ausgerüstet mit verdünnter Salzsäure und einem Hammer: den für die Gegend charakteristischen (und kalkfreien) Grünschiefer zu finden, und die ähnlich aussehenden, aber chemisch sehr unterschiedlichen Minerale Quarz und Calcit (Kalkspat) unterscheiden zu lernen. Calcit bricht gerade ab und schäumt unter Zugabe von verdünnter Salzsäure auf, da das Calciumcarbonat aufgelöst und Kohlendioxid freigesetzt wird. Außerdem kann die Härte eines Gesteins ein wertvolles Indiz zur Unterscheidung sein. Härtere Minerale ritzen weichere an – der Geologe Friedrich Moos nutzte schon im frühen 19. Jahrhunderten diese einfache Einsicht zur Erstellung einer Härteskala von 1 bis 10, auf der Calcit das Referenzmineral für den Wert 3 (mit Kupfermünze ritzbar, mit Taschenmesser erst recht) und Quarz jenes für den Wert 7 (ritzt Fensterglas) darstellt. Nicht zu verwechseln ist die Härte mit der Zerbrechlichkeit eines Minerals.

Lawinenreste in Daba-Klamm

Grünschiefer gefunden!

 

 

 

 

 

 

Während wir uns mit ansteigenden Höhenmetern den Weg durch die Erdgeschichte erarbeiten, stoßen wir zuerst auf Bündner Schiefer und Ölschiefer. Noch ehe wir bei den Suchaufträgen fündig werden, stoßen wir auf weitere biologische und geologische Schätze. Die wunderschöne und streng geschützte, den Kalk schon im wissenschaftlichen Namen tragende Orchidee Frauenschuh (Cypripedium calceolus) kann aufgrund ihrer Seltenheit und Schönheit durchaus als botanischer Höhepunkt der Ausbildung gelten. Quelltuff ist ein Beispiel für sehr junges Gestein, das durch die Auswaschung von Calciumcarbonat aus dem Kalkglimmerschiefer durch das Hangwasser entsteht. Daraufhin durchwandern wir endlich jene Zone in der Abfolge der Gesteinsschichten der Schlucht, in der wir beim Grünschiefer fündig werden. Auch Quarz und Calcit werden ausgiebig mit Salzsäure beträufelt, und das geologische Gespür wächst mit dem Fortschritt der Wanderung. Der Blick in die Daba-Klamm, welche nach einem besonders schneereichen Winter noch voller Lawinenreste ist, lässt uns die erosive Kraft des Wassers regelrecht spüren.

Seltener Kalkzeiger Frauenschuh

Vulkanausbruch beim Rieselbild!

 

 

 

 

 

 

 

Im Hochtal angekommen, packt Magnus sein Rieselbild aus, bei dem verschiedene für die Alpengesteinsbildung wichtige Sedimentationsprozesse zwischen zwei eingerahmten Glasscheiben bildhaft verständlich gemacht werden – it’s showtime! Er lässt dabei Sand, Schotter, Muschelstücke und andere symbolische Sedimente sich ablagern. So werden Buntsandstein, Salz- und Gipsablagerungen, Wetterstein, Hauptdolomit, Partnach-Schichten, Hauptdolomit, Ölschiefer, Kössener Schichten, Oberrät- und Adneter Kalk sowie die Allgäu-Schichten und Radiolarit zu mehr als trockenen Begriffen, mit denen unsere Vorstellungskraft bei Geologie-Ausführungen nur allzu oft zu kämpfen hat. Zum krönenden Abschluss dieser Performance simuliert Magnus noch einen Vulkanausbruch mit selbst angerührtem rotem Magma, und sorgt damit für einen furiosen Abschluss des Vormittags. Am Nachmittag geht es nach stärkender Mittagspause bei der Bergeralm darum, mit den wichtigsten metamorphen Mineralien und Gesteinen näher auf Tuchfühlung zu gehen. Ausgestattet mit Lupen, Infoblättern, Diagrammen, Mineralien in Reinform und verschiedenen Gesteinen machen wir uns mit Glimmer, Feldspat, Granat und Co. vertraut und beschäftigen uns mit den Bedingungen, unter denen sie jeweils entstanden sind. Diese spezifischen Entstehungsbedingungen machen auch viele Mineralien zu Indikatoren, die uns viel über die Geschichte eines Gesteins erzählen können.

Mineralien untersuchen

Land Art Farbspiele

 

 

 

 

 

 

Der gestalterische Abschluss kommt den schon leicht rauchenden Köpfen der angehenden Naturführer:innen entgegen. Verschiedene Kleingruppen loten das künstlerische Potential der Beschäftigung mit Steinen aus. Diese werden nach Form, Farbe oder Größe angeordnet, oder in statisch herausfordernde Miniaturbauwerke wie Säulen oder Bogen angeordnet. Im Nu entsteht so eine ästhetisch ansprechende Steinlandschaft im Bachbett. Nur bei einer Kleingruppe dürfen die Gehirne weiter qualmen. Die vergleichende Dichtemessung verschiedener Gesteine mit einfachsten Hilfsmitteln (Eimer und Federwaage) scheint zuerst knifflig, doch auch hier lässt der „Heureka-Effekt“ nicht lange auf sich warten. Einen Höhepunkt behält sich Magnus noch für den Rückweg durch den finsteren Tunnel in der Daba-Klamm auf, welchen wir zuerst ohne Taschenlampen bestreiten. Dafür sorgt das Klopfen mit Quarzsteinen für kleine Funken in der absoluten Dunkelheit (piezoelektrischer Effekt).

Am Freitag stehen der Besuch im Nationalparkhaus und eine Exkursion ins Ködnitztal mit dem Schwerpunkt Naturbeobachtung und Wildtiere auf dem Programm. Unser Begleiter Andreas Angermann ist nicht nur schon seit fast 20 Jahren Ranger im Nationalpark Hohe Tauern, sondern auch erfahrener Jäger. Da kommen über die Jahre eine ganze Menge Beobachtungen und Wissen zusammen. Wir haben also bei der Wildtier-Exkursion mit Andreas die Gelegenheit, diesen reichen Erfahrungsschatz anzuzapfen und uns von seiner Begeisterung für sein „Revier“ (damit ist natürlich nicht sein Jagdrevier im engen Sinne gemeint) anstecken zu lassen. Im Nationalparkhaus in Matrei in Osttirol können wir einen präparierten Bartgeier ganz aus der Nähe bestaunen. Wie ein Punkt in der Luft sieht im Vergleich das nur wenige Gramm schwere Wintergoldhähnchen aus. Die digitale Reliefkarte des Nationalpark-Gebiets ist einer der Höhepunkte der Ausstellung. Sie erlaubt einen schnellen Überblick über die Geografie und die wichtigsten Landschaftselemente des Nationalparks wie zum Beispiel Flüsse, Bergseen oder Gletscher. Die Aussicht auf weitgehend eisfreie Alpen möglicherweise noch bis zur Jahrhundertmitte hinterlässt einen schalen Nachgeschmack. Beim Panoramabild haben wir Gelegenheit, mit jenen Alpentieren auf Tuchfühlung zu gehen, nach denen wir später bei der Exkursion Ausschau halten werden. Alpensteinbock, Gämse, Murmeltier, Schneehase und Alpenschneehuhn lassen sich im präparierten Zustand ganz ohne Fernglas in Ruhe bestaunen. Letzteres Tier begegnet uns mehrere Stöckwerke oberhalb wieder, wo wir noch kurz in die Sonderausstellung zu den Raufußhühnern eingeführt werden.

Andreas Angermann mit Alpentieren

Alpenschneehuhn

 

 

 

 

 

 

Die Vorfreude ist groß, als wir dann endlich nach kurzer Einschulung mit Spektiv und Ferngläsern zur Wildtierbeobachtung im Ködnitztal aufbrechen. Die berühmten alpinen „Big Five“ (Murmeltier, Gämse, Steinbock, Steinadler, Bartgeier), mit denen der Nationalpark seine Exkursionen bewirbt, lassen sich fast in Vollbesetzung blicken. Nur der Bartgeier ist am Freitag verhindert. Dafür erzählt Andreas interessante Geschichten zu dessen polyandrischen Liebesleben, dem „Lämmergeier“-Irrtum und den kuriosen Ausflügen besenderter Bartgeier nach Holland und Sardinien. Aufgrund der weiten Tagesstrecken von bis zu 500 Kilometern pro Tag sind für aufmerksame Naturbeobachter Sichtungen auch weit außerhalb der Brutgebiete möglich. Wir werden die Herausforderung mit nach Hause nehmen, aber für heute geben wir uns mit den Leintuch-Silhouetten in Originalgröße zufrieden, mit denen die wichtigsten Erkennungsmerkmale von Bartgeier (drei Meter Spannweite!) und Steinadler verdeutlicht werden.

Flügelspannweite Bartgeier

Steinadler hautnah

 

 

 

 

 

 

Eine große Überraschung wird uns gleich zu Beginn der Exkursion aufgetischt. Von einer kleinen Almhütte aus haben wir freie Sicht auf einen Adlerhorst, in welchem heuer eine Brut stattgefunden hat. Der dunkel gefärbte Jungadler, auf den Andreas das Spektiv einstellt, hat gerade sturmfrei. In den frühen Lebensphasen gilt es in erster Linie, Fettreserven aufzubauen, welche im weiteren Verlauf immer mehr in Muskelmasse umgewandelt werden. Mit seinen zwei Monaten kann er zwar schon Murmeltiere alleine zerlegen, aber bis zur Flugfähigkeit wird noch etwa ein Monat vergehen. Für Andreas und andere Nationalparkranger:innen ist diese Zeit ein Luxus: der Jungadler, der noch nicht wegfliegen kann, ist zumindest für einige Wochen ein garantiertes Ass im Ärmel bei allen hier stattfindenden Wildtierbeobachtungstouren. Vom Steinadler geht es direkt weiter zu dessen wichtigster Nahrung, dem Alpenmurmeltier. Wir können im Verlauf unserer Exkursionen immer wieder einige Exemplare ganz aus der Nähe beobachten – und erfahren Interessantes zu Lebensweise, Überwinterung und der Bedeutung der „Warnpfiffe“, bei denen es sich eigentlich um Schreie handelt. Bei einfachem Signal sollte unser Blick jedenfalls schnell gen Himmel gehen, weil so Gefahr aus der Luft kommuniziert wird. Im Moment setzt ihnen allerdings eher die Nachmittagshitze zu und versetzt sie in eine Trägheit, die nur durch gelegentlich von Wanderer:innen mit Hunden ausgelöstem Mehrfachsignal unterbrochen wird.

Adlerhorst mit Spektiv betrachten

Ködnitztal und Großglockner

 

 

 

 

 

 

Eine gute Bewältigungsstrategie für die langsam einkehrende Sommerhitze hat die Herde von Alpensteinbock-Geißen am Gegenhang gefunden. Aus der Ferne helfen die hellere Farbe und der weiße Bauch bei der Identifizierung. Die Weibchen haben sich mit ihren acht Kitzen in ein kühles steiles Bachbett zurückgezogen. Dort kann sich der „Kindergarten“ so richtig austoben, die Kitze bringen bei ihren Kletterübungen unter dem wachsamen Blick der Muttertiere auch den einen oder anderen Stein ins Rollen. Ein tolleres Motiv für die Beobachtung durch Spektiv und Fernglas hätten wir uns kaum wünschen können, vor allem in Anbetracht der Tatsache, dass der Alpensteinbock um diese Jahreszeit sich nicht immer so weit unten im Tal blicken lässt. Kurz schwenken wir auch auf die gegenüberliegende Talseite, um die zur Besenderung verwendete Steinbockfalle zu betrachten. Auch beim nächsten Beobachtungsstopp geht es Schlag auf Schlag weiter. Ein Gamsbock liegt allein mitten in der Wiese am Gegenhang und scheint den Wetterwechsel zu genießen. Während wir uns Kleiderschichten und Mützen überziehen, scheint den alpinen Paarhufern die Erfrischung gerade recht zu kommen. Unterdessen lässt sich ein Reh beim Knabbern an den Grünerlentrieben beobachten, bevor es im Schutz des Gebüsches verschwindet. In der Nähe können wir zwei Gämsen mit jeweils einem Kitz ausmachen, und beim Blick hoch auf den Geländehorizont nochmals eine ganze Herde mit sechs Kitzen, von denen eines gerade gesäugt wird.

Steinwild beobachten mit Fernglas

Alpensteinbock „Kindergarten“

 

 

 

 

 

 

Voller Begeisterung von den vielen Beobachtungen in kürzester Zeit machen wir uns bei einsetzendem Regen wieder auf den Rückweg und finden im Nationalpark-Infozentrum einen trockenen Unterstand für einen würdigen Abschluss eines Tages, der vielen bestimmt lange in Erinnerung bleiben wird. Mit Blick auf den Großglockner lauschen wir Andreas‘ Erklärungen und Anekdoten zu Bezoarkugeln, Herzkreuzen, weißen Rehen, Gamsblindheit und Steinbock-Räude.

Am Samstag dürfen sich die Muskeln entspannen, an diesem Tag ist vor allem geistige Präsenz gefragt. Wir halten das Seminar mit Kommunikations- und Naturvermittlungsexperten Martin Krejcarek in den Räumlichkeiten des mit dem Ködnitzhof verbundenen Kalser Gemeindesaals ab, der uns mit Zirbenduft begrüßt. Martin gehört zu den Pionieren der österreichischen Naturpädagogik-Szene und arbeitet als Trainer und Organisationsentwickler mit zahlreichen Unternehmen und Insititutionen. Wir beschäftigen uns mit Vorurteilen, Gruppendynamiken und Interaktionsmustern. Dabei gehen wir vor allem den Fragen nach, wie qualitative Gruppenleitung aussehen kann, und welche Zutaten den Mix einer gelungenen Naturveranstaltung ausmachen. Wir diskutieren über zu beachtende Rahmenbedingungen, Authentizität der Naturführer-Persönlichkeit, Bedürfnisgruppen, Themen-Fokus („claim“), vielfältige Methodik und Dramaturgie („das Spiel mit der Spannung“). Durch seine langjährige Tätigkeit im Feld der Naturvermittlung zwischen Konzeption, Supervision und Durchführung kann Martin nicht bloß graue Theorie bieten, sondern auch zahlreiche Best-Practice-Beispiele von Naturführungsangeboten, die sich als besonders erfolgreich herausgestellt haben. Dafür, dass auch nach dem Mittagessen oder zum Ende des Seminars hin niemand im Stuhl versinkt, sorgen Martins bemerkenswerter Humor und seine Fähigkeit, im richtigen Moment durch Aktionsphasen die Stimmung aufzulockern. Ein Leitwort bleibt hängen: „interessant“!

Martin Krejcarek

Gruppenaufgabe gelöst!

 

 

 

 

 

 

Vera Margreiter vom Institut für Botanik der Universität Innsbruck, Spezialistin für Hochgebirgs-Botanik, begleitet uns am letzten Exkursionstag des heurigen Naturführerkurses noch einmal durch das Ködnitztal in Richtung Großglockner – mit dem Erreichen der Stüdlhütte auf ca. 2.800 Metern Meereshöhe haben wir uns ein ehrgeiziges Ziel gesetzt, welches strenge Zeitdisziplin erfordert. Im Vergleich zur Wildtier-Exkursion mit Andreas Angermann haben wir unseren Blick aber auf eine andere Brennweite eingestellt, und unser Fokus gilt diesmal mehr dem Boden samt Bewuchs statt dem Himmel und den entfernten Hängen. Doch Vera wird uns vorführen, dass auch im Kleinen große Sehenswürdigkeiten verborgen liegen. Ihre beachtliche Fachkenntnis zur alpinen Flora paart sich mit einer ansteckenden Begeisterung für die „Höchstleistungen“ der Gebirgspflanzen. Wir müssen uns schon fest vornehmen, viele Pflanzen auszublenden und die Wissbegier im Zaum zu halten, da wir uns doch einiges an Höhenstufen vorgenommen haben.

Vera Margreiter

Wanderung zu den Überlebenskünstlern

 

 

 

 

 

 

Schon nach wenigen Schritten machen wir zum ersten Mal Halt, da wir uns bereits mitten in einem für Gebirgslagen typischen Vegetationstyp befinden. Die Hochstaudenflur ist durch frischen, nährstoffreichen Boden gekennzeichnet. Hier wachsen stark wüchsige krautige Pflanzen mit großer Blattfläche, wie zum Beispiel der Kahle Alpendost und die Meisterwurz, welche zumindest den Schnapsliebhaber:innen ein Begriff sein sollte. In der Strauchschicht dominiert die Grün-Erle, begleitet von der Felsen-Johannisbeere. Beim nächsten Stopp im Bereich des Almwirtschaftsgürtels beschäftigen wir uns mit dem ökologisch wichtigen Thema von Pflanzen als Indikatoren. Wir sind mit einer Kuriosität konfrontiert, als wir die Rostrote Alpenrose und die Bewimperte Alpenrose an derselben Stelle finden. Erstere zeigt in der Regel silikatischen Untergrund an, zweitere hingegen deutet auf Kalk. Zusammen sprechen sie für die komplexe geologische Situation des Tauernfensters und erinnern uns daran, dass auch auf kalkhaltigen Gesteinsuntergründen eine oberflächliche Versauerung stattfinden kann. Manchmal hybridisieren die beiden Arten sogar. Einige hundert Höhenmeter weiter oben, im Bereich der alpinen Rasen, bilden sich auf kalkreichem Untergrund Blaugrasrasen mit Horstseggen aus, während auf silikatischem Gestein die Krumm-Segge die Leitart ist. Erst im Bereich des Krummseggenrasens stoßen wir dann auch auf die Landkartenflechte auf Felsblöcken, welche Kalkgestein meidet. Auch einige Enzianarten geben Rückschlüsse auf den Untergrund. Wir lernen, den Silikat-Glocken-Enzian von seinem auf Kalk vorkommenden Verwandten zu unterscheiden. Der Einfluss des geologischen Untergrunds auf die Vegetation nimmt im Hochgebirge zu, da durch die geringeren Bodenmächtigkeiten die Pflanzen stärker von den Eigenschaften des darunterliegenden Gesteins beeinflusst werden.

Alpen-Pestwurz und Huflattich

Saftmale beim Silikat-Glocken-Enzian

 

 

 

 

 

 

 

Im Bereich zwischen Luckner- und Stüdlhütte tauchen wir immer tiefer in die Welt der Hochgebirgsspezialisten und deren Anpassungen an eine zumindest zeitweise extrem lebensfeindliche Umgebung ein. Der Überlebenskampf bedingt ein äußerst langsames Wachstum (der Krummseggenrasen kann sich nur um etwa ein Millimeter pro Jahr horizontal ausbreiten), und viele Pflanzen setzen vermehrt auf vegetative Vermehrungsstrategien, anstatt sich nur auf die risikobehaftete Samenbildung zu verlassen. Mit Trauben-Steinbrech und Polsternelke stoßen wir auch auf zwei ausgesprochene Mikroklima-Spezialisten. Alpen-Anemone, Kriechende Nelkenwurz, Zwerg-Primeln und Frühlings-Enziane sorgen für Farbtupfer quer durch die Palette. Kurz unterhalb der Stüdlhütte begrüßen uns Alpenmurmeltiere in Wegnähe. Gleich drei hochalpine Weidenarten in Spalierstrauchwuchs lassen sich an einer Stelle vergleichen. In der subnivalen Zone in unmittelbarer Nähe der Hütte stoßen wir auf die absoluten Extrembergsteiger unter den Blütenpflanzen: der Gletscher-Hahnenfuß ist bekannt als eine der höchststeigenden Blütenpflanzen, und der Gegenblättrige Steinbrech hält mit über 4.500 Metern am Dom in der Schweiz sogar den europäischen Rekord. Ein naher Verwandter hingegen, der Rudolph-Steinbrech, hat als Endemit ein kleineres Verbreitungsgebiet in den Ostalpen. In den Blüten und zwischen den Blättern der Polsterpflanzen tummeln sich Springschwänze und lassen sich mit der Lupe beobachten.

Gletscher-Hahnenfuß

Totengebeinsflechte und Polsternelke

 

 

 

 

 

 

Nach vielen Erlebnissen, vermittelten Inhalten und neu entstandenen Freundschaften wird es schließlich Zeit, den diesjährigen Naturführerkurs feierlich „am Gipfel“ zu beenden. Dazu lassen wir auf einer natürlichen Plattform mit Blick auf ins Gletschervorfeld hinabrauschende Wasserfälle noch einmal absolute Stille walten – ein bewegender Moment an einem atemberaubenden Ort. Nach einer Pause in der Stüdlhütte müssen wir die prallen Bäuche wieder irgendwie ins Tal bringen. Viele in der Gruppe können einem zusammenhängenden Schneefeld nicht widerstehen, auf dem die ersten zweihundert Höhenmeter Abstieg im Nu vorbeifliegen.

Rudolph-Steinbrech

Stille mit Aussicht

 

 

 

 

 

 

 

In der Abschlussrunde oberhalb der Lucknerhütte wird noch gesagt, was gesagt werden möchte, und gefühlt, was gefühlt werden muss. Es war eine sowohl fachlich auch als menschlich wertvolle gemeinsame Zeit. Von meiner Seite als Kursleiter ein großer Dank an die Zuständigen fürs durchwegs angenehme Wetter, an die vielen Lebewesen für die Geduld mit unserer Forscherbegierde, und an alle, die uns bewirtet, bewegt und begeistert haben. An den Verein Natopia und besonders Wolfgang Bacher für die Pionierarbeit und makellose Organisation unter schwierigen Rahmenbedingungen, und an das Land Tirol für die finanzielle Unterstützung. An die Tiroler Naturparke und den Nationalpark Hohe Tauern für die Partnerschaft – wir kommen immer wieder gerne zu euch! Ich bedanke mich bei allen Kursteilnehmerinnen und Kursteilnehmern an dieser Stelle nochmal für die schönen, begeisterten Tage miteinander und den harmonischen Ablauf – in der festen Überzeugung, dass der Samen einer stetig vertiefenden Naturbegeisterung, den wir mit dieser Ausbildung verbreiten wollen, bei euch auf fruchtbare Erde gefallen ist!