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Wildfluss Lech

“Der letzte Wilde” – Tiroler Naturführerkurs (Jubiläumskurs) im Naturpark Tiroler Lech

Das Außerfern hieß die angehenden Tiroler Naturführerinnen und Naturführer des Jubiläumskurses mit Sonnenschein willkommen. Ziel der ersten Exkursion war das Hochmoor bei Heiterwang. Zum Einstieg präsentierte der Geologe Magnus Lantschner vom Verein Natopia zwei Methoden, die eine spielerische und interaktive Annäherung an die komplexen Themengebiete Klimageschichte und Moorentstehung ermöglichen. Was hat ein serbischer Mathematiker namens Milanković mit den Eiszeiten zu tun, und unter welchen Bedingungen wölben sich Moore im Verlauf der Jahrtausende uhrglasförmig auf? Magnus ist bekannt für seine kreativen Methoden, mit denen er sein Fachwissen auf unterhaltsame Art und Weise mit interessierten Laien oder Schülerinnen und Schülern teilt.

Barfuß durch das Hochmoor

Die Entstehung eines Hochmoores im Zeitraffer

 

 

 

 

 

 

 

Anschließend gab es die Gelegenheit, das Latschen-Hochmoor bei einer kurzen Barfußwanderung auf der Haut zu spüren. Der “Sprungtest” und die Sondierung im Hochmoor machten die meterdicken Torfschichten wahrnehmbar, die dem Auge in der Regel verborgen bleiben. Der Vegetationswechsel am Übergang ins Hochmoor ist deutlich – die Wald- und Wiesenpflanzen der Umgebung können unter den sauren und nassen Bedingungen im Hochmoor, ganz vom Grundwasserregime abgetrennt, nicht bestehen. Sie werden von stresstoleranten Spezialisten abgelöst: wir stoßen auf die Rosmarinheide (Andromeda polifolia), die Gewöhnliche Moosbeere (Vaccinium oxycoccos) und den fleischfressenden Rundblättrigen Sonnentau (Drosera rotundifolia). Am charakteristischsten für diesen Lebensraum sind allerdings die Torfmoose (Sphagnum sp.), die ihre Umgebung durch Protonenabgabe aktiv zu versauern vermögen und sich somit die Konkurrenz vom Leibe halten. Diese einfach gebauten Pflanzen wachsen an der Spitze nach oben und sterben unten ab. Dadurch bilden sie über Jahrhunderte und Jahrtausende den Hauptanteil der meterdicken Torfschichten (ca. ein Millimeter Zuwachs pro Jahr), die das Hochmoor kennzeichnen.

Erdbeben im Moor beim Sprungtest

Blütenstaub in XXL – der „Pollenkrimi“

Diese Torfschichten sind eine riesige Kohlenstoffsenke – obwohl Moore nur drei Prozent der Landfläche der Erde einnehmen, speichern sie mehr Kohlenstoff als alle Wälder weltweit. Grund dafür ist, dass der Abbau von organischem Material im sauren, nassen und sauerstoffarmen Moormilieu stark eingeschränkt ist. Diese Tatsache haben sich Palynologen (Pollenkundler) zunutze gemacht. Sie entnehmen Torfproben aus verschiedenen Tiefen und können über die darin enthaltenen Pollen und deren mengenmäßige Zusammensetzung Rückschlüsse auf die Vegetationsgeschichte seit der letzten Eiszeit ziehen. Zu diesem Thema bezog Magnus die TeilnehmerInnen über einen spannenden „Pollenkrimi“ mit ein.

Moore und Feuchtgebiete sind mit am stärksten vom globalen Trend der Zerstörung natürlicher Ökosysteme betroffen, sind sie doch in ihrem ursprünglichen Zustand für den wirtschaftstreibenden Menschen kaum nachhaltig nutzbar. So wurden über neun Zehntel der mitteleuropäischen Moorflächen für die Flächengewinnung entwässert oder durch industriellen Torfabbau irreversibel verändert. Im Naturschutz gibt es heute vielerorts Bemühungen zur Renaturierung geschädigter Moorökosysteme – dafür werden die Entwässerungsgräben wieder zugebaut, und im sich stauenden Wasser kann wieder Torfbildung einsetzen.

Am Nachmittag des ersten Kurstages präsentierte Andreas Jedinger, Biologe und Geschäftsführer von Natopia, wichtige biologische und ökologische Begrifflichkeiten – ein Grundwortschatz sozusagen, um bei Naturschutz- und Umweltthemen mitreden zu können. Auch gab es einen Überblick über Naturschutz in Tirol und die regionale Gesetzeslage, über Biodiversität und deren Gefährdung, sowie die Erinnerung an alle engagierten Naturfreunde, die eigene psychologische Resilienz stets gut im Auge zu behalten.

Landschaftsbewertung mit Andreas Jedinger

Alle in Bewegung beim Systemspiel

Die wechselseitige Abhängigkeit aller Lebensformen wurde über das Systemspiel verdeutlicht. Dabei suchen sich die TeilnehmerInnen jeweils zwei Personen in der Gruppe aus, mit denen sie ein gleichseitiges Dreieck bilden. Wird dann ein Element in der Konstellation bewegt, kommt gleich alles in Bewegung. Abschließend gab es Gelegenheit, sich in der quantitativen Bewertung des Landschaftsbildes zu üben. Die Aussichten taleinwärts und talauswärts von Elmen aus mussten sich dem kritischen Blick der angehenden NaturführerInnen stellen.

Nach dem Abendessen war die Gruppe im architektonisch beeindruckenden Naturparkhaus auf (!) der Klimmbrücke zu Gast. Naturpark-Geschäftsführerin Marlene Salchner referierte über Lebensräume und biologische Besonderheiten des Naturparks Tiroler Lech und die Aktivitäten des gleichnamigen Vereins.

Kulturlandschaft im Talboden: Aussicht von Elmen in Richtung Naturparkhaus

Leuchtende Begeisterung: Laubfrosch und 3 Molcharten!

 

 

 

 

 

 

 

 

Spätabends konnten die TeilnehmerInnen ihre Ausdauer unter Beweis stellen, gab es doch mit Amphibienexpertin Gerda Ludwig von der Amphibienwerkstatt Gelegenheit zu einer nächtlichen Exkursion an einen wahrlichen Amphibien-Hotspot Tirols. Am Erschbachweiher in Unterpinswang war dann alle Müdigkeit vergessen, als sich Laubfrosch (Hyla arborea) und Nördlicher Kammmolch (Triturus cristatus) zum Stelldichein der besonders seltenen und streng geschützten FFH-Arten (Flora-Hauna-Habitat-Richtlinie) präsentierten. Auch Bergmolch (Ichthyosaura alpestris) und Teichmolch (Lissotriton vulgaris) durften nicht fehlen.

Amphibienwetter vom Feinsten

Laichballen des Grasfrosches

 

 

 

 

 

 

 


Am nächsten Vormittag präsentierte Gerda einen vertiefenden Überblick über alle heimischen Amphibienarten, deren Merkmale und Lebensweise sowie Aspekte von Gefährdung und Naturschutz. Im Bereich der Mündung des Streimbaches in den Lech gab es Gelegenheit, verschiedene Laichgewässer und typische Amphibienhabitate zu besichtigen. Hier waren die Laichballen des Grasfrosches
(Rana temporaria) und die Laichschnüre der Erdkröte (Bufo bufo) zu beobachten, sowie Kaulquappen der beiden Arten in verschiedenen Entwicklungsstadien.

Die Gummistiefel wurden aus Sicherheitsgründen (Bd) im Vorfeld desinfiziert

Gerda Ludwig (Hintergrund) rekrutiert Amphibienfans

Am Nachmittag gab es ein Wiedersehen mit Magnus Lantschner und der Geologie. Er verblüffte die TeilnehmerInnen mit seiner selbst gestrickten 46 Meter langen „Zeitschnur“, welche die 4,6 Milliarden Jahre Erdgeschichte greifbar machen soll. Geologen und Paläontologen denken nunmal in ganz anderen zeitlichen Maßstäben. Wann traten die verschiedenen Lebensformen erstmals auf der Erde auf (fossile Belege), und was hat es mit den fünf großen Massenaussterben der Erdgeschichte auf sich? Spielerisch thematisiert wurde auch das Thema Evolution, und zwar mittels einer abgewandelten Variante des unter Natur- und Waldpädagogen bekannten Eichhörnchenspiels.

46 Meter gestrickte Erdgeschichte: Magnus hat 4,6 Milliarden Jahre Zeit!

Die Mechanismen der Evolution spielerisch erleben

Plattentektonik und Erdmantelkonvektion, welche die Antriebskräfte der Gebirgsbildung sind, wurden in Miniaturversion im Wasserglas simuliert. In einer abschließenden Einheit im Gemeindesaal wurde die globalen Prinzipien auf die alpine Gebirgsentstehung heruntergebrochen. Dank der vielen Puzzles, Decken und Kärtchen, die Magnus dazu mit im Gepäck hatte, wurden diese komplexen Sachverhalte für viele um einiges zugänglicher.

Der Erdmantel im Wasserglas: Konvektionskino mit Tinte und Eiswürfeln

Mit Puzzles und Decken erweckt Magnus Steine zum Leben

Ziel des Infoabends mit Kursleiter Daniel Baumgartner nach dem Abendessen war es, der Gruppe eine Möglichkeit zum vertieften Kennenlernen zu bieten und sich dann mit der „Naturführer-Persönlichkeit“ auseinanderzusetzen. Folgende Fragen standen dabei im Mittelpunkt: Wo sind die Wurzeln meiner eigenen Naturbegeisterung, und auf welche Art kann ich diese authentisch weitergeben? Verschiedene Zugänge und Schwerpunkte im Bereich der Naturvermittlung wurden vorgestellt. Die ausgewählte Literatur dazu konnten die KursteilnehmerInnen bei einem angeregt gemütlichen Ausklang des Tages durchstöbern.

Auch der dritte Tag zeigte sich wettermäßig um einiges freundlicher, als es der Wetterbericht vorausgesagt hatte. So ein Glück, denn mit der Limnologin Barbara Depisch stand die Erforschung von Fließgewässern auf dem Programm. Nach einem Kurzvortrag über die Erkennungsmerkmale und Ökologie der häufigsten Insektenlarven heimischer Fließgewässer ging es nach Forchach zur historischen Hängebrücke. In diesem Flussabschnitt zeigt sich der Lech von seiner wilden, ungezähmten Seite. Ein seltenst überfluteter Trockenauwald mit Kiefer (Pinus sylvestris) und Schneeheide (Erica carnea) als Charakterarten geht in Richtung Flussbett in den hochdynamischen Lebensraum der Schotterbänke über. Da diese Art von Lebensraum durch die Flussregulierungen und Landgewinnungen der letzten Jahrhunderte so selten geworden ist, sind auch die daran angepassten Tier- und Pflanzenarten regional stark gefährdet: Im Naturpark Tiroler Lech finden seltene Arten wie die Deutsche Tamariske (Myricaria germanica), die Gefleckte Schnarrschrecke (Bryodemella tuberculata), der Flussuferläufer (Actitis hypoleucos) und der Flussregenpfeifer (Charadrius dubius) ein wertvolles Refugium. Eine weitere Kuriosität sind die sogenannten Alpenschwemmlinge: sie gelangen als ganze Pflanzenpolster oder mittels ihrer Fortpflanzungsorgane vom Hochgebirge in den Talboden, wo sie auf den freien Schotterflächen des Lech ähnliche Extrembedingungen finden wie in ihrem Herkunftsgebiet. Beispiele sind die Silberwurz (Dryas octopetala), die Aurikel (Primula auricula) und der Clusius-Enzian (Gentiana clusii).

Schneeheide und Kiefer in der Trockenau

Ideale Forschungsbedingungen am Seitenbach

 

 

 

 

 

 

 

Ausgerüstet mit einfachster Forscherausrüstung wurde einer der Seitenbäche dann genauer unter die Lupe genommen. Ziel war es, mit der Methodik des Sammelns vertraut zu werden und anhand einfacher Bestimmungsmerkmale die vorkommenden Insektenordnungen zu unterscheiden. 

Mit Hilfe einer Stereolupe sind die Bestimmungsmerkmale gut zu erkennen

Die Steinfliegenlarve Dinocras ist schon mit freiem Auge ein Hingucker

 

 

 

 

 

Die zu Tage tretende Vielfalt war groß, und ebenso die Begeisterung im engagierten Forscherteam. Highlights unter den Funden waren einige Larven-Exemplare einer bemerkenswert großen und gefräßigen räuberischen Steinfliegengattung (Dinocras sp.), die netzbauende Köcherfliegengattung namens Wassergeistchen (Hydropsyche sp.) sowie der kuriose Wasserskorpion (Nepa cinerea), welcher zu den Wasserwanzen gehört.

Zuerst wurden die Tiergruppen bestimmt…

… und dann mit Naturmaterialien nachgebaut.

Eine Gelegenheit zur Wiederholung der Bestimmungsmerkmale bot sich bei der Land Art-Aktion, bei der die gefundenen Tiergruppen mit angeschwemmten Naturmaterialien in Makrovariante nachgebaut wurden. Eine Möglichkeit zur allgemeinen inhaltlichen Wiederholung gab es beim Fangspiel „Eulen und Krähen“.

Totholz als wichtiges Element des Lebensraums Schotterbank

Silberwurz als Alpenschwemmling auf der Schotterbank

Nach diesem intensiven Tag an einem der Gewässer-Hotspots Tirols passte der Abendvortrag von Hermann Sonntag, Biologe und Geschäftsführer des Naturparks Karwendel, besonders gut ins Programm. Er schickte dem Tageserlebnis eine breite Vogelperspektive hinterher und vermittelte ein allgemeines Verständnis für die Ökologie und den Zustand von aquatischen Ökosystemen in Tirol.

Da am letzten Tag des Moduls der Winter an die Tür klopfte, wurde mit Naturpark-Mitarbeiterin und Schutzgebietsbetreuerin Caroline Winklmair eine Alternative zur geplanten Exkursion an den Vilsalpsee vereinbart. Da traf sich gut, dass Caroline ein breites Tätigkeitsfeld hat, ist sie doch auch eine der Biberbeauftragten des Landes Tirol. Also führte sie uns in „ihr“ Biberrevier an der Vils nördlich von Reutte.

Tiroler Naturführer – bei jedem Wetter unterwegs!

Nur die ausgetriebenen Weidenblätter „störten“ das Bild der winterlichen Au

Die hochwinterlich eingeschneite Au war an sich schon ein Erlebnis, das durch die zahlreichen Biberspuren nur noch interessanter wurde. Es gab Fraßspuren und Fällkerbe zu entdecken, sogar unter 20 cm Schneedecke konnte eine Teilnehmerin noch eine Biberlosung finden. Auch für seine Bauwerke verdient sich der Biber Hochachtung – wir besichtigten einige Nebendämme und den Hauptdamm, welcher dafür sorgt, dass der Eingang zum Bau (in diesem Fall keine Biberburg, sondern ein Mittelbau, welcher von einer Familie bewohnt wird) stets in dem für den Biber sicheren Bereich unter Wasser zu liegen komt. Während all dem versorgte Caroline die interessierten TeilnehmerInnen mit Informationen zur Lebensweise und Geschichte des Bibers, und gewährte einen kleinen Einblick in das Tätigkeitsfeld als Biberbeauftragte.

Hier hat der Biber abgeholzt!

Abenteuerliche Überquerung eines Dammes

Am Nachmittag öffnete uns der Sunnawirt in Heiterwang Tür und Tor. Dort konnte die Gruppe, ganz unbeeindruckt vom Schneetreiben draußen, auf das geballte Expertinnenwissen der Biologin Kerstin Blassnig zurückgriefen. Ziel der Einheit unter dem Namen „Was blüht denn da?“ war es, einen Überblick über die systematische Einordnung der fast 400.000 Gefäßpflanzenarten weltweit zu vermitteln und den KursteilnehmerInnen Werkzeuge in die Hand zu geben, die selbstständiges Bestimmen ermöglichen.

Botanik-Vortrag von Kerstin Blassnig beim Sunnawirt

From Fließ with Love – ein Blumenstrauß zum Bestimmen

Kerstin hatte dazu im Vorfeld einen artenreichen Blumenstrauß von unterhalb der Schneedecke zusammengestellt und zum Seminar mitgebracht, wo die angehenden NaturführerInnen mit Lupen und Bestimmungsliteratur darauf losgelassen wurden. Zum Abschluss wurden einige der wichtigsten Pflanzenfamilien mitsamt ihrer charakteristischen Merkmale und Beispielarten vorgestellt.

Bestimmungsübung mit Lupe und Fachliteratur

Ein spezieller Dank geht an die Belegschaft des Gasthof Kaiserkrone in Elmen für die freundliche und geduldige Bewirtung und an das Team des Naturparks Tiroler Lech für die Einladung in dieses tolle Gebiet. Wir freuen uns auf das Modul Wald im Zillertal!