info@natopia.at
Aussicht über Die Fließer Kulturlandschaft

Vielfalt in der Kulturlandschaft – Naturführerkurs Modul Wiese im Naturpark Kaunergrat, 30. Mai bis 2. Juni 2019

Der Naturpark Kaunergrat ist bekannt für seine Vielfalt an Lebensräumen und Standortbedingungen auf relativ kleiner Fläche, insbesondere für die artenreiche Kulturlandschaft des Natura2000-Naturschutzgebietes „Fließer Sonnenhänge“. Das für Tiroler Verhältnisse warme und trockene Klima un der Verzicht auf landwirtschaftliche Intensivierung der Flächen haben dazu geführt, dass die Trockenrasen und -wiesen vielfältige Pflanzengemeinschaften und eine reiche Insektenfauna (besonders Schmetterlinge und Heuschrecken) beheimaten. Als Sahnehäubchen gibt’s noch strahlendes Frühsommerwetter für den Jubiläumskurs obendrauf – bessere Voraussetzungen für das dritte Modul der Ausbildung hätten wir uns kaum wünschen können.

Den Übergang vom heuer ausgesprochen zögerlichen Tiroler Frühling in die Sommerhitze gehen wir allerdings stufenweise an. Am Donnerstag Vormittag treffen wir uns beim Piller Moor, dessen Höhenlage sich in knackigen Morgentemperaturen, zahlreichen Schneefeldern und einer gerade einmal austreibenden Vegetation bemerkbar macht. Auch wenn das Latschen-Hochmoor genau genommen keine Wiese ist, wollen wir uns dieses naturkundliche Highlight im Oberland nicht entgehen lassen. Gemeinsam mit zahlreichen kleineren Mooren und Feuchtgebieten bildet es einen ausgedehnten Moorkomplex am Piller Sattel. Der Biologe Philipp Kirschner vom Naturpark Kaunergrat führt uns rund ums Moor. Beim Moorturm, welcher einen atemberaubenden Panoramablick und die Vogelperspektive über das Moor erlaubt, beschäftigen wir uns mit der nacheiszeitlichen Entstehungsgeschichte von Mooren. Mit dem Überblick über die Landschaft und ihre Formen werden die Begriffe Gletscherschliff, Verlandung, Niedermoor und Hochmoor greifbarer. Ombrogene (nur vom Niederschlag direkt gespeiste) Hochmoore sind in Tirol rar, und damit sind auch die an diesen Lebensraum angepassten Spezialisten selten. Die vier am Piller Moor vorkommenden fleischfressenden Pflanzen stehen daher allesamt unter Naturschutz: der Rundblättrige und Langblättrige Sonnentau (Drosera rotundifolia, Drosera longifolia), das Alpen-Fettkraut (Pinguicula alpina) und der aquatisch lebende Gewöhnliche Wasserschlauch (Utricularia vulgaris). Beim Einstieg in den Hochmoor-Bereich fällt auf, dass viele der in Assoziation mit den Torfmoosen (Sphagnum sp.) vorkommenden hochspezialisierten Arten zur Familie der Heidekrautgewächse (Ericaceae) gehören. Deren ericoide Mykorrhiza, eine Spezialform der symbiontischen Wurzelpartnerschaft zwischen Pilzen und Pflanzen, stellt eine weitere bemerkenswerte Anpasssung an die mineralstoffarmen und sauren Bedingungen dar.

Auch der an das Moor angrenzende Bergwald hat einiges zu bieten. Zuerst stoßen wir auf einen Futterbaum der größten heimischen Spechtart (Schwarzspecht, Dryocopus martius), kurz darauf auf die Ringelspuren des seltenen Dreizehenspechtes (Picoides tridactylus). Im Randbereich des Moores fällt eine weitere botanische Kuiosität auf: bezüglich der Spirke, einer Baumform der Latschenkiefer (Pinus mugo), herrscht eine noch offene Auseinandersetzung zwischen Experten darüber, ob es sich um eine Unterart der Latschenkiefer (Pinus mugo subsp. uncinata) oder eine eigene Art handelt (Pinus uncinata). Der Blick über den aufgelassenen Torfstich lädt zu historischen Exkursen ein: die Gründe, aufgrund derer Moore entwässert und Torf abgebaut werden, sind vielfältig, galten sie doch dem utilitaristisch denkenden Menschen unseres Kulturkreises als wenig produktiver und nicht landwirtschaftlich nutzbarer Naturraum. Während in waldarmen Gegenden Torf auch als Heizmittel verwendet wurde, war er in der Gegend rund um den Piller Sattel in erster Linie als Gartensubstrat gefragt. Seit einigen Jahrzehnten findet zumindest in Mitteleuropa eine Trendumkehr statt, und viele der wenigen verbleibenden Moorflächen und Feuchtgebiete sind mittlerweile geschützt. Erstens wird die Rolle von Spezialstandorten für die Erhaltung der Biodiversität heute höher bewertet, und zweitens ist das Verständnis für die vielfältigen ökologischen Funktionen der Moore, die auch uns Menschen stark zugute kommen, gewachsen. Beispielhaft seien der natürliche Hochwasserschutz („Schwammeffekt“ in der Landschaft) und die enorme Bedeutung der Torfmassen als Speicher im globalen Kohlenstoffkreislauf genannt – wirksamer Klimaschutz muss den Stellenwert der Moore in der weltweiten Kohlendioxid-Bilanz unbedingt mitberücksichtigen.

Historische Nutzung: Blick über den alten Torfstich

Aussicht über das Moor, auf der rechten Seite eine Spirke

 

 

 

 

 

 

 

 

Der in den 70er Jahren aufgelassene Torfstich konfrontiert uns mit einem Paradoxon. Einerseits sind die Flächen durch die historische Entwässerung und das Abtragen meterdicker Torfschichten stark degradiert und haben viel von ihrer ursprünglichen biologischen Wertigkeit verloren. Andererseits haben manche seltene Arten die neuen Bedingungen zu schätzen gelernt: Für Libellen sind die Wassergräben geeignet für die Larvenentwicklung, während wärmeliebende Insekten wie die Rote Schnarrschrecke (Psophus stridulus) oder verschiedene Sandlaufkäfer (Familie Cicindelinae) das spezielle Klima schätzen. Philipp nutzt diesen Bereich bei seinen Führungen mit Kindern und Erwachsenen besonders gerne für aktives Erforschen der wirbellosen Fauna. Auch wir lassen uns gerne dazu einladen und machen mit einfacher Sammelausrüstung eine Jägerin zur Gejagten: Das Objekt unserer Forscherbegierde ist die auffallend große Gerandete Jagdspinne (Dolomedes fimbriatus). Unsere Ausdauer lohnt sich, und wir finden ein trächtiges Weibchen sowie ein jüngeres, noch nicht voll ausgewachsenes Männchen. Im Anschluss an die Moorführung machen wir in wenigen Minuten einen Temperatursprung. Im 500 Höhenmeter tiefer gelegenen Fließ ist der Sommer bereits eingezogen, und die deutlich weiter fortgeschrittene Wiesenvegetation begrüßt uns mit einem Meer aus Farben.

…und wir haben sie in der Becherlupe!

Auf der Jagd nach der Gerandeten Jagdspinne

 

 

 

 

 

 

 

Den Nachmittag starten wir mit Bildern, die fast aus einer anderen Welt zu kommen scheinen. Der pensionierte Biologielehrer Hubert Salzburger hat neben dem Imkern, Gärtnern und der Naturkunde im Allgemeinen eine besondere Leidenschaft für die Makrofotografie von Blüten und deren Besuchern. Es ist aber nicht nur die ästhetische Schönheit, die Hubert dabei anzieht, sondern auch das Studium und Verständnis der faszinierenden Wechselbeziehungen zwischen Blütenpflanzen und ihren Bestäubern – eines der offensichtlichsten und bekanntesten Beispiele für Co-Evolution. Wir sind es gewohnt, beim Thema Bestäubung sofort an die Honigbiene zu denken. Oft wird dabei vergessen, dass eine Vielzahl von Insektengruppen diese ökologische Funktion übernimmt: Wildbienen (mehr als 600 Arten in Österreich!), Schmetterlinge, Fliegen, Wespen, Ameisen und Käfer sind an jeweils unterschiedliche Blütenformen angepasst. Die Form eines bestimmten Blütentyps erlaubt also Rückschlüsse auf die Anatomie und das Verhalten der jeweiligen Bestäuber. Für die auffälligen und großen Scheibenblüten verwendet Hubert gerne die Analogie ders Fast-Food-Restaurants (viel Werbung, alle willkommen), während die Röhrenblütenform mit ihrer erschwerten Zugänglichkeit zum Nektar eher das Bild eines exklusiven Feinschmeckerlokals aufkommen lässt (langer Rüssel als „Eintrittskarte“). Auch Schalenblüten, Lippenblüten, Glockenblüten und Stieltellerblüten haben jeweils Vor- und Nachteile und komplexe symbiontische Beziehungen mit ihren Bestäubern. Doch nicht immer muss die Interaktion von beiden Parteien gewollt sein: Wir erfahren vom „Insekten-Kidnapping“ des Aronstabes und dem „Nektardiebstahl“ durch Hummeln.

Eine Honigbiene dockt auf einer Margeritenblüte an

Hebelmechanismus zur Pollenabgabe mit Grashalm auslösen

 

 

 

 

 

 

 

 

Die kurze Exkursion durch die Trockenwiesen im Abschluss an den Bildervortrag ist voll von kleinen Geschichten und Experimenten zum Vorzeigen. Am Wiesensalbei (Salvia pratensis) testen wir den Hebelmechanismus zur Pollenabgabe, der sonst meistens von Hummeln ausgelöst wird. Auch der einfache Umbau eines Löwenzahnstängels zur Tröte oder die Verwendung von Wolfsmilchsaft als „Seifenblase“ sind tolle Auflockerungen für jede Naturführung. Wir stoßen auf drei heimische Wegericharten. Der als Heilpflanze geschätzte Spitzwegerich (Plantago lanceolata) und der unverwüstliche Breitwegerich (Plantago major) lassen mit ihren unscheinbaren Blüten auf Windbestäubung schließen, während die auffälligeren Blüten des Mittleren Wegerichs (Plantago intermedia) anzeigen, dass hier auch Insekten involviert sind. Viele Geschichten verbinden sich zu großer Inspiration und der Motivation bei vielen TeilnehmerInnen, in Zukunft noch eine Stufe genauer hinzuschauen – ganz nach dem Vorbild von Huberts Makroobjektiv.

Magerwiese mit Wundklee, Wiesensalbei und Wermut

Hubert Salzburger bläst die Wolfsmilch auf!

 

 

 

 

 

 

 

 

Am Abend genießt ein Teil der Gruppe noch das fantastische Panorama vom „Gachen Blick“ aus, bevor uns Philipp Kirschner im Naturparkhaus willkommen heißt. Der „Landkartenteppich“ im Eingangsbereich hilft bei der Orientierung, Philipp gibt einen Überblick über die Lage der verschiedenen Naturpark-Schutzgebiete und Ideen für die Zukunft. Das naturkundliche Potential der Gegend können wir nach dem ersten Tag in der Gegend schon gut erahnen, eine beeindruckende Zahl untermauert den Eindruck: 1.200 verschiedene Schmetterlingsarten wurden alleine auf den Fließer Sonnenhängen gezählt! Neben Naturschutz und Regionalentwicklung ist die Umweltbildung eine große Priorität im Naturpark Kaunergrat: Während Schulklassen aus ganz Tirol die kurzen oder mehrtägigen Umweltbildungsprogramme in Zusammenarbeit mit dem Verein Natopia punktuell in Anspruch nehmen, arbeitet der Naturpark mit den acht Naturparkschulen auch dauerhaft zusammen. Die gelungene und informative Naturpark-Dauerausstellung bietet einen entspannten Ausklang.

Aussichtsplattform am Gachen Blick

Orientierung am Landkartenteppich

 

 

 

 

 

 

 

Am zweiten Tag mit Biologin und Botanik-Expertin Kerstin Blassnig steht eine ausgedehnte Wanderung auf dem Programm. Ziel ist es, die Vielfalt der Fließer Kulturlandschaft über einen Gradienten von etwa 500 Höhenmetern kennenzulernen – und damit eine Sensibilität für die Unterscheidung jener Typen von Landschaftselementen zu schaffen, die im Verlauf von Jahrhunderten und Jahrtausenden durch menschlichen Einfluss entstanden sind, und nur durch Bewirtschaftung erhalten bleiben. Die kulturgeschichtliche Auseinandersetzung startet in der Jungsteinzeit. Beim ersten Stopp bei der Philomenakapelle etwas außerhalb des Dorfes gibt es so genannte Schalensteine zu bestaunen, die auf eine vorchristliche Bedeutung als Kultplatz hinweisen. Doch nicht nur in Talnähe auch weiter oben am Berg gibt es Spuren der frühen Besidelungsgeschichte. Der Brandopferplatz am Piller Sattel kann eine durchgehende Verwendung als Kultplatz über 2.000 Jahre ab 500 v. Chr. für sich verbuchen. Auch die historische rechtliche Situation wirkt sich lange auf das Landschaftsbild und die Siedlungsstruktur aus. So etwa wurde aufgrund des romanischen Einflusses bis ins 17. Jahrhundert das rechtliche Prinzip der Realteilung angewandt, im Gegensatz zum Anerberecht in den meisten anderen Gegenden Tirols. Diese rechtlichen Unterschiede sind noch Jahrhunderte später siedlungsgeographisch aus Flurbildern abzulesen. Das relativ günstige Klima in Fließ und der Schwerpunkt auf Ackerbau erlaubten aus, viele Menschen auf kleiner Fläche zu ernähren.

Kulturlandschaftselemente oberhalb von Fließ

Schalenstein bei der Philomenakapelle

 

 

 

 

 

 

 

Bei der ersten Übung geht es darum, sich im Gewirr der verschiedenen Begriffe, die mit Wiesen, Weiden und Rasen in Verbindung gebracht werden, zurechtzufinden. Wir erfahren, dass ein vergleichsweise kleiner Teil der in der Tiroler Landschaft existierenden offenen Flächen primäres Grasland ist, etwa die alpinen Rasen oberhalb der Baumgrenze sowie Trockenrasen und Niedermoore. Sekundäres Grünland ist durch menschliche Einflussnahme entstanden (ursprünglich Rodung) und bedarf einer kontinuierlichen Bewirtschaftung durch Beweidung oder Mahd, wenn eine Verbuschung verhindert werden soll. Bei ersterer Bewirtschaftungsform spricht mensch von Weiden, bei zweiterer von Wiesen.

Der nächste Stopp führt dann gleich eindrucksvoll vor Augen, dass auch Wiese nicht gleich Wiese ist. Der Güterweg, auf dem wir durch die Wiesen spazieren, trennt die Flächen zweier verschiedener Grundeigentümer, welche offensichtlich nach unterschiedlichen Kriterien wirtschaften. Zu unserer Linken blicken wir auf eine blumen- und farbenreiche Magerwiese mit Arten wie dem Wiesen-Salbei (Salvia pratensis), der Magerwiesen-Margerite (Leucanthemum vulgare), dem Taubenkropf-Leimkraut (Silene vulgaris) und der Saat-Esparsette (Onobrychis viciifolia). Zu unserer Rechten hingegen prägen wenige konkurrenzstarke, aber auch störungsresistente ruderale Arten wie das Weiße Labkraut (Galium album) und die Gewöhnliche Wiesen-Schafgarbe (Achillea millefolium) das Bild – ein Anzeiger einerseits dafür, dass hier durch Düngung das Wasser- und Nahrstoffregime stark verändert wurde, und andererseits, dass hier vor nicht allzu langer Zeit ein Umbruch passiert ist. Den Walliser Schwingel (Festuca valesiaca), eine Leitart der inneralpinen Trockengebiete, finden wir nur auf dem gar nicht gedüngten und trockenen Böschungsrand der Wiese, wie auch den Feld-Thymian (Thymus pulegioides) und den Milden Mauerpfeffer (Sedum sexangulare). Diese Arten sind nicht konkurrenzstark und haben bei guter Wasser- und Nährstoffversorgung gegen Löwenzahn und Co. keine Chance – auf schwierigeren Standorten hingegen kommt ihnen ihre ausgesprochene Stresstoleranz zugute.

Kerstin Blassnig mit Gräser-Lochkarte

Bunte Vielfalt auf der Magerwiese

 

 

 

 

 

 

 

Viele Hobby-BotanikerInnen machen um die Gräser einen weiten Bogen, weil die Bestimmung und Unterscheidung aufgrund der unscheinbaren Blütenmerkmale und ähnlichen Wuchsformen schwierig erscheint. Kerstin präsentiert daher einen relativ niederschwelligen Einstieg anhand der Gräser-Lochkarten von Natopia. Damit können die TeilnehmerInnen auf Grundlage von Skizzen eine kleine Sammlung der bedeutendsten heimischen Gräser anlegen. Diese sind nämlich oft Leitarten für bestimmte Pflanzengesellschaften und können uns viel über die natürlichen Wuchsbedingungen und die Bewirtschaftungsgeschichte erzählen. Dieser spielerische Einstieg nimmt der Gruppe die Scheu vor Knäuelgras (Dactylis glomerata), Glatthafer (Arrhenaterum elatius), Weicher Trespe (Bromus mollis) und Konsorten. Etwas weiter vorne auf dem Weg stoßen wir dann alsbald auf eine Fläche, bei der ohne Gräserkenntnis schnell Schluss mit der Bestimmung wäre: Die Aussaatwiese sieht durch die ausgesprochene Gräser-Dominanz und das Fehlen von Kräutern und bunten Blüten einem jungen Getreidefeld ähnlicher als einer traditionellen Mähwiese. Dieses Saatgrasland zeichnet sich zwar durch hohe Futterproduktivität aus, der Preis dafür ist allerdings ein Verlust der pflanzlichen und tierischen Artenvielfalt auf diesen Flächen. Früher wurden auf den gut nährstoffversorgten Flächen in Tirol prioritär Ackerbau betrieben, heute sind nur noch etwa fünf Prozent der ursprünglichen Ackerflächen als solche erhalten. Dieser regionale Trend wird oft als „Vergrünlandung“ der Kulturlandschaft bezeichnet.

Natürliche Strukturen in der Kulturlandschaft sind wichtig für Vielfalt auf allen Ebenen

Geringe pflanzliche und tierische Diversität auf der Aussaatwiese

 

 

 

 

 

 

 

 

Im weiteren Verlauf der Wanderung passieren wir einen Standort am Straßenrand, auf dem sich störungsresistente Ruderalarten besonders wohlfühlen. Wermut (Artemisia absinthium), Blauer Natternkopf (Echium vulgare) und die regionale Besonderheit Schlangen-Wegerich (Plantago serpentina) sind einige davon. Die Strukturvielfalt in einer traditionellen Kulturlandschaft sorgt nicht nur für eine hohe pflanzliche Artenvielfalt – die Diversität an der Basis der Nahrungspyramide und das Angebot an Nistplätzen schlägt sich auch in einer vielfätigen Fauna nieder. Die selten gewordenen Vogelarten Wendehals (Jynx torquilla) und Neuntöter (Lanius collurio) finden hier noch ein geeignetes Habitat – außerdem hören wir sogar noch durchziehende Bienenfresser (Merops apiaster).

An zwei Standorten mit ganz unterschiedlicher Wasserversorgung gibt es Gelegenheit, weitere Spezialisten unter den Blütenpflanzen kennenzulernen. Am Felsstandort mit angespanntem Wasserhaushalt überleben die sukkulenten Dickblattgewächse (Crassulaceae) Weiße Fetthenne (Sedum album) und Spinnweben-Hauswurz (Sempervivum arachnoideum) sowie die Hochstiel-Kugelblume (Globularia punctata). Am Hang-Quellmoor hingegen hält nur durch, wer mit dauerhaft nassen Füßen und schwacher Nährstoffversorgung kein Problem hat. Die Breitblättrige Fingerwurz (Dactylorhiza majalis), die konkurrenzscheue Wundheilpflanze Blutwurz (Potentilla erecta) und das Alpen-Fettkraut (Pinguicula alpina) profitieren hier davon, dass dieser kleinflächige Feuchtstandort noch nicht trockengelegt wurde. Weiter bergwärts geht es dann durch blumenreiche Mähwiesen mit Bergklee (Trifolium montanum), Gewöhnlichem Hufeisenklee (Hippocrepis comosa), Gamander-Ehrenpreis (Veronica chamaedrys), Gewöhnlichem Hornkraut (Cerastium fontana) und Knolligem Hahnenfuß (Ranunculus bulbosus). Am Wegesrand fällt außerdem eine als Wildgemüse geschätzte Ruderalpflanze auf. Der Guten Heinrich (Chenopodium bonus-henricus) sollte allerdings vor der Verwendung besser gründlich eingeweicht und abgespült werden, da er realtiv große Mengen an Saponinen und Oxalsäure enthält.

Mehlprimel mit Aussicht

Enzianblüten genau unter die Lupe genommen

 

 

 

 

 

 

 

Mit dem Waldweiher hoch oberhalb von Fließ, einem künstlich angelegten Gewässer zur historischen Versorgung der Bewässerungswaale, erreichen wir den höchsten Punkt der Exkursion. Eine kurze Stillemeditation gibt wieder Kraft und unterstreicht die idyllische Atmosphäre dieses Platzes. Nur die plötzlich aus dem Wald auftauchenden gesprächsfreudigen Spaziergänger mit Hund und Grillmission waren nicht in unser Vorhaben eingeweiht – wir nutzten ihre Einladung, die Stille wieder zu unterbrechen und die bunten einschürigen Bergmähder der unmittelbaren Umgebung zu entdecken. Die Leitart ist hier das Borstgras (Nardus stricta), während der Silikat-Glocken-Enzian (Gentiana acaulis), die Schwefel-Anemone (Pulsatilla alpina subsp. apiifolia) und die Frühlings-Küchenschelle (Pulsatilla vernalis) für die dekorativen Aspekte sorgen. In einem feuchteren Bereich prägen der Sumpf-Baldrian (Valeriana dioica), die Mehlprimel (Primula farinosa) und die Alpen-Soldanelle (Soldanella alpina) das Bild. Die geschätzte Berg-Heilpflanze Arnika (Arnica montana) im vegetativen Stadium und ein frisch aufblühendes Brand-Knabenkraut (Neotinea ostulata) belohenen die Gruppe für die Ausdauer im Anstieg, bevor wir – vorbei an weidenden Pferden und traditionellem Tiroler Grauvieh – die Rückkehr ins Dorf antreten.

Eine traditionelle regionale Rinderrasse – Tiroler Grauvieh

Brand-Knabenkraut, ein Juwel der Bergmähder

 

 

 

 

 

 

 

 

Vor dem Abendessen gibt es noch eine kurze Auseinandersetzung mit der globalen ökologischen Krise. Der Einfluss des zivilisierten Menschen auf das Lebenssystem Erde ist so weitreichend, dass viele Wissenschaftler den Begriff Anthropozän („Menschenzeitalter“) als geochronologische Benennung unserer Epoche vorschlagen. Dieser Einfluss hat mittlerweile das sechste große Massenausstreben der Erdgeschichte eingeleitet – Jahr für Jahr verschwinden mehrere tausend Arten für immer von unserem Planeten. Noch deutlicher als in den Artenzahlen kommt die menschliche Dominanz zum Vorschein, wenn die Biomasseverteilung verschiedener Organismengruppen analysiert wird. Der Mensch macht zwar nur 0,01 % der lebenden Biomasse auf der Erde aus (im Vergleich dazu wiegen die Pflanzen der Erde  7.500 Mal so viel, die Bakterien 1.200 Mal, Insekten, Spinnentiere und Krebstiere 17 Mal). Schränken wir die Betrachtung auf die Säugetiere ein, so macht der Mensch immerhin schon 30 % der Biomasse aus. Mehr als doppelt so viel (66 %) verbuchen die landwirtschaftlichen Nutztiere unter den Säugetieren – nur vier Prozent der gesamten Säugetier-Biomasse fällt auf alle wildlebenden Säugetiere weltweit! Drastisch ist die Situation auch bei den Vögeln: alle in der Natur vorkommenden Vogelarten machen nur 30 % der gesamten gefiederten Biomasse aus. Das Konzept des ökologischen Fußabdrucks kann helfen, die Auswirkungen unseres Lebensstils auf Lebensräume weltweit und auf die Lebensrealität materiell weniger privilegierter Menschen besser einzuschätzen. Wir diskutieren kurz über mögliche Alternativen zu dieser Einweg-Lebensweise auf individueller und kollektiver Ebene.

Der Bericht über die Biomasse-Studie im Guardian:
https://www.theguardian.com/environment/2018/may/21/human-race-just-001-of-all-life-but-has-destroyed-over-80-of-wild-mammals-study

Am dritten Tag begrüßen uns das Piller Moor und der umgebende Bergwald mit deutlich freudlicheren Bedingungen im Vergleich zur spätwinterlichen Exkursion zwei Tage vorher. Nun hält auch hier der Frühling in großen Schritten Einzug. Was könnte näher liegen, als sich mit dem saisonstypischen Gesang der Vögel und ihren verschiedenen Rufen zu beschäftigen? Die Biologin Silvia Hirsch vom Alpenzoo Innsbruck bietet der Gruppe mit partizipativen Methoden, die in erster Linie zu eigener Beobachtung und Beschäftigung ermutigen, einen Einstieg in die faszinierende Welt der heimischen Vögel. Zuerst werden die  Unterschiede zwischen Gesang und Rufen abgesteckt. Ersterer dient unter anderem zum Anlocken von potentiellen Partnern und der Markierung des Reviers, zweitere umfassen Rufe zwischen Partnern, Warnrufe bei Gefahr und Bettelrufe hungriger Jungvögel.

Silvia empfiehlt, sich zum Einstieg mit wenigen Vogelarten, dafür aber intensiv zu beschäftigen. Eine ganze Vogelstimmen-Datenbank zuhause auswendig lernen zu wollen sei wenig zielführend. Wenn Auge, Ohr, Hirn und Herz offen sind für die Vögel zum Beispiel unserer unmittelbaren Wohnumgebung oder Spazierroute, dann ist die beste Basis für nachhaltiges und freudvolles Lernen geschaffen. Silvia versteht es jedenfalls, einen Samen an Begeisterung und Neugierde zu setzen, der vielleicht bei manchen TeilnehmerInnen ein gutes Substrat finden und zu einer intensiveren und aufmerksameren Beschäftigung mit der Vogelwelt wächst – eine nicht nur intellektuell, sondern auch emotional sehr befriedigender Zeitvertreib. OrnithologInnen und VogelfreundInnen verwenden oft kleine Merksätze zur Beschreibung der Gesänge und Rufe – manche übernehmen lieber die „Klassiker“, andere reimen sich ihre Eselsbrücken selbst zusammen.

Geduld ist wichtig bei der Vogelbeobachtung

Silvia Hirsch vom Alpenzoo Innsbruck

 

 

 

 

 

 

 

Nach dem Buchfink (Fringilla coelebs) und seiner Frage nach dem „würzigen Bier“ hören wir auch den selbsterklärenden Zilpzalp (Phylloscopus collybita) und das hochfrequente Wintergoldhähnchen (Regulus regulus). Letzteres ist mit einem Körpergewicht von gerade einmal vier bis sieben Gramm der kleinste heimische Singvogel und ernährt sich in erster Linie von winzigen Springschwänzen. Der Gesang der Meisen erinnert eher an eine quietschende Feile oder Säge. Es gelingt uns, Buchfink und Wintergoldhähnchen mit abgespielten Gesängen anzulocken. Eine oft von NaturfotografInnen verwendete Methode, die Kindern und Erwachsenen auch ohne Kamera ein tiefes Naturerlebnis bei einer Naturführung geben kann – allerdings sollte sie mit Bedacht angewendet werden. Den Vogel sollte mensch jedenfalls gegen den künstlichen Eindringling „gewinnen lassen“, das Spiel nicht zu oft betreiben und die Praxis bei seltenen und bereits unter Druck stehenden Arten oder in Gebieten mit entsprechendem Schutzstatus ganz unterlassen!

Der Zugang über die Vogelstimmen zum Erkennen oder Kartieren von Vögeln bietet sich deshalb an, da die Individuen oft klein, beweglich und in ihrem Lebensraum gut versteckt sind. Da hilft oft auch das beste Fernglas nicht mehr weiter! Aus der Ferne können auch aus den vorgezogenen Aufenthaltsorten für die Bestimmung wertvolle Hinweise abgeleitet werden. So halten sich die schwereren Kohlmeisen (Parus major) mit Vorliebe näher am Stamm im Nadelholz auf, während ihre leichteren Verwandten Blaumeise (Cyanistes caeruleus) und Tannenmeise (Periparus ater) gerne weiter außen am Ast sitzen. Wenn der Buchfink ganz oben am Baumwipfel trällert, geht er einen „trade-off“ ein: Einerseits ist der Gesang damit weiter zu hören, andererseits setzt sich der Vogel auch einem höheren Risiko aus, von Greifvögeln wie dem Habicht (Accipiter gentilis) erwischt zu werden. Mit etwas Geduld und guter Beobachtungsgabe lassen sich den meisten Vogelarten auch die optischen Details und charakteristischen anatomischen Merkmale entlocken. Darum geht es bei der intensiven Beobachtungsaufgabe in Kleingruppen. Sie bekommen den Auftrag, anhand der Hinweise eines speziell dafür gestalteten Arbeitsblattes einen Vogel der Wahl mit geschärften Sinnen und Fernglas besonders aufmerksam zu beobachten. Eine Kohlmeise, ein Buchfink, ein Rotkehlchen (Erithacus rubecula), ein Wintergoldhähnchen und ein Tannenhäher (Nucifraga caryocatactes) werden somit einer ganz genauen Betrachtung unterzogen. Letzterer wird in Tirol auch „Zirbengratsch“ genannt und ist für seine kognitiven Fähigkeiten und fast schon maschinenähnlichen Rufe bekannt.

Fraßspuren verschiedener Tiere

Den Tannenhäher mit dem Fernglas beobachten

 

 

 

 

 

 

 

Im Wald oberhalb des Torfstichs beschäftigen wir uns mit der Frage, wie auch scheuere Tiere, die wir selten bei Aktionen mit Gruppen zu Gesicht bekommen werden, Bestandteil einer lebendigen Naturführung voller interessanter Geschichten werden können. Ein Weg dahin führt über die verschiedenen charakteristischen Spuren und Hinterlassenschaften der Tiere. Größere Tiere hinterlassen auf vegetationslosem Untergrund Trittsiegel, und vor allem im Winter sind die Fährten von Tieren oft über weite Strecken zu verfolgen. Doch Tierspuren umfassen weit mehr als Fußabdrücke: Bei einer Suchaktion finden die TeilnehmerInnen die faserreichen Losungen von Feldhase (Lepus europaeus) und Haselhuhn (Tetrastes bonasia), die Fraßspuren von Eichhörnchen (Sciurus vulgaris) an Fichten- und Zirbenzapfen, die Fraßgänge und Kammern des Buchdruckers (Ips typographus) und die „Ananasgallen“ von Fichtengallenläusen, kleine Tiere mit einem unglaublich komplexen Lebenszyklus und Wirtswechsel zwischen Fichten und Lärchen. Viele abgezwickte Zweigspitzen der Fichte unter dem Baum deuten darauf hin, dass hier ein Eichhörnchen im Spätwinter Lust auf die proteinreichen Pollen hatte. Jemand findet ein Stück Blindschleiche (Anguis fragilis) und am Ende der Exkursion besichtigen wir in der Nähe einer Futterstelle das Skelett eines dort verendeten Rothirschs (Cervus elaphus). Die Größe und vor allem die wenig abgeriebenen Zähne lassen auf ein junges Alter schließen.

Hirschskelett nahe einer Futterstelle

Die Losung des Haselhuhns ist reich an Ballaststoffen

 

 

 

 

 

 

 

 

Am Nachmittag teilt Silvia ihre Expertise über heimische Säugetiere mit Hilfe einer bebilderten Präsentation und einem reichen Schatz an mitgebrachten Präparaten. Die verschiedenen Säugetierarten und -gruppen werden nach Lebensräumen gegliedert kurz vorgestellt. Wir starten im Talboden mit den ans Wasser gebundenen Bibern (Castor fiber) und Fischottern (Lutra lutra) und steigen schließlich auf bis zu den Gebirgspaarhufern Gämse (Rupicapra rupicapra) und Alpensteinbock (Capra ibex). Lange schneereiche Bergwinter wie der gerade ausklingende stellen diese Tiere vor große Herausforderungen. Den Gipfelrekord unter den alpinen Säugetieren hält die Schneemaus (Chionomys nivalis) – sie besiedelt in den Alpen Höhenlagen bis zu 4.000 Metern! Mit den Präparaten zum Anfassen endet der Tag mit Silvia Hirsch, der ganz im Zeichen der heimischen Tierwelt stand. Eine tolle Gelegenheit, verschiedene Vogelnester, -eier, -skelette und -federn in Ruhe aus der Nähe zu betrachten. Die riesigen Federn von Steinadler (Aquila chrysaetos) und Bartgeier (Gypaetus barbatus) sind beeindruckend, ebenso das kunstvoll verwobene Nest der Beutelmeise (Remiz pendulinus).

Am Abend mit dem Entomologen (Insektenkundler) Kurt Lechner, der seit vielen Jahren den Natopia Erlebnisunterricht Insekten entwickelt und betreut, steht eine Einführung in die Welt der Sechsbeiner auf dem Programm. Ziel ist es, genügend Grundverständnis zu vermitteln, um am nächsten Tag bei der Forschungseinheit auf den Fließer Sonnenhängen darauf aufbauen und Insekten eigenständig beobachten und erforschen zu können. Insekten, die seit mindestens 400 Millionen Jahren die Erde bewohnen, beeindrucken schon alleine durch ihre Formen- und Artenvielfalt. Fast eine Million Insektenarten wurden bisher beschrieben (Schätzungen gehen von bis zu 30 Millionen Arten aus), damit verkörpern sie 60 Prozent des tierischen Artenreichtums. In Österreich gibt es etwa 37.000 Arten, mehr als im angrenzenden und flächenmäßig viel größeren Deutschland. Den Löwenanteil der Vielfalt stellen die Ordnungen der Käfer (Coeloptera), Schmetterlinge (Lepidoptera), Hautflügler (Hymenoptera) und Zweiflügler (Diptera), wobei es besonders bei letzteren beiden Gruppen noch große Wissenslücken gibt. Anscheinend beschäftigen sich auch WissenschaftlerInnen lieber mit Schmetterlingen als mit Mücken! Jedes Jahr werden weltweit meherer tausend Insektenarten neu beschrieben. Die traurige Seite der Vielfalt ist, dass jährlich im Zuge des anthropogenen („menschgemachten“) Massenaussterbens eine noch viel größere Zahl an Insekten für immer verschwindet. 40 Prozent aller Insektenarten sind laut einer australischen Metastudie vom Aussterben bedroht, und der Rückgang in den Populationsgrößen ist noch erschreckender. Viel internationale mediale Aufmerksamkeit hat die sogenannte „Krefeld-Studie“ erhalten, welche auf Biomasseaufnahmen fliegender Insekten in Schutzgebieten über fast drei Jahrzehnte aufbaut. Die Biomasse fliegender Insekten hat im Beobachtungszeitraum um 76-81 Prozent abgenommen! Diese und andere Veröffentlichungen und Kampagnen haben dazu geführt, dass nach dem Klimawandel nun auch der weltweite Lebensraumverlust und Artensterben langsam in den Fokus der öffentlichen Aufmerksamkeit rutscht. Nicht nur für Insektenfreunde, sondern für alle Menschen hat diese Entwicklung viel Gewicht. Insekten verarbeiten organisches Material, bestäuben 90 Prozent der Blütenpflanzen, sind an vielen Stellen in die Nahrungsnetze eingebunden und damit wichtige ökologische Regulatoren. Mit der Effizenz einer Hummel, die in hundert Minuten 2.600 Blüten bestäubt, werden die menschlichen Obstbaum-Bestäuber in Chinas „Bestäuberwüsten“ nicht mithalten können.

Natopia Insektenplane mit Funden

Kurt Lechner zeigt den eingerollten Saugrüssel eines Schmetterlings

 

 

 

 

 

 

 

 

Im Anschluss an die allgemeine Einführung werden die wichtigsten Gruppen von Insekten kurz angesprochen, bevor der allgemeine Körperbau dieser Tiergruppe behandelt wird: der dreigeteilte Körper mit sechs Beinen am Brustteil (Thorax), die zeitlich hochauflösenden Facettenaugen (bestehend aus bis zu jeweils 30.000 Einzelaugen bei Libellen), die Stigmen genannten seitlichen Öffnungen des Tracheensystems zur Atmung, das Exoskelett (Panzer unter anderem aus Chitin), um nur einige Grundmerkmale zu nennen. Gegen Ende des Abends gelingt es Kurt, die langsam eintretende Müdigkeit mit tollen Präparaten heimischer und tropischer Insektenarten nochmal zu vertreiben.

Der Sonntag und die Fließer Sonnenhänge machen am nächsten Morgen ihren Namen alle Ehre, und so bauen wir unsere kleine mobile Forschungsstation im Schatten eines Baumes auf. Nicht nur wir profitieren vom Sonnenschutz, sondern auch die Insekten, die in kleinen Sammelgefäßen kurz zur Beobachtung aufbewahrt werden, bevor sie wieder krabbeln und fliegen dürfen. Für Schmetterlinge und andere Fluginsekten werden Kescher verwendet, Insekten und andere Gliederfüßer am Boden können direkt mit dem Sammelgefäß eingesammelt werden. Diese unmittelbare Beschäftigung mit Kleintieren weckt bei manchen TeilnehmerInnen wohlige Kindheitserinnerungen. Kurt äußert seine Besorgnis darüber, dass sich immer weniger Kinder und auch Erwachsene aktiv mit anderen Lebewesen beschäftigen. Daher kommt auch die Motivation, über Umweltbildungsmaßnahmen an Schulen und mit anderen Gruppen diesen abgerissenen Verbindungen wieder neues Leben einzuhauchen.

Der seltene Apollofalter ist der Star des Vormittags

Mit dem Kescher den Fluginsekten hinterher

 

 

 

 

 

 

 

 

Aus der Ordnung der Schmetterlinge gehen uns der überwinternde Zitronenfalter (Gonepteryx rhamni) und ein Aurorafalter-Männchen (Antocharis cardamines) ins Netz, bei dem die schnelle Geschlechtsbestimmung durch die leuchtend orangen Flügelspitzen auch aus der Ferne möglich ist. Der xerothermophile (Trockenheit und Wärme liebende) Mauerfuchs (Lasiommata megera) ist typisch für das Klima der Sonnenhänge. Star unter der Schmetterlingen ist aber zweifelsohne der seltene Apollofalter (Parnassius apollo), dem ein motivierter Kursteilnehmer erstmal lange nachstellen muss. Bei den Käfern stechen vor allem der heliophile (sonnenliebende) Berg-Sandlaufkäfer (Cicindela silvicola) und der Goldglänzende Rosenkäfer (Cetonia aurata) hervor. Die Kurzfühlerschrecken, die an den Fließer Sonnehängen auch sehr prominent vertreten sind, zeigen sich nur in Form relativ gering entwickelter Larven – auch hier wieder eine Folge des mehr als zögerlichen Frühjahrs. Die Larven der Feldgrille (Gryllus campestris) hingegen überwintern, wir finden ein adultes Weibchen mit Legeröhre. Bei den Hautflüglern stoßen wir neben Honigbienen (Apis mellifera) und einigen Wespenarten auch auf verschiedene Wildbienenarten. Wanzen (Heteroptera) sind oft Abwehrkünstler: Die Ritterwanze (Lygaeus equestris) lagert Giftstoffe aus Pflanzen in ihren Körper ein, die Grüne Stinkwanze (Palomena prasina) hingegen kann bei Gefahr übelriechende Sekrete über ihre Stinkdrüsen absondern. Zwei Vertreter von weniger bekannten Insektenordnungen sorgen für Staunen: Eine männliche Skorpionsfliege (Panorpa sp.) mit ihrem namensgebenden Genitalapparat aus der Ordnung der Schnabelfliegen (Mecoptera) und ein Ameisenlöwe mit seiner beeindruckenden Fangstrategie – so werden im deutschen Sprachgebrauch die Larven der Ameisenjungfern (Myrmeleontidae) aus der Ordnung der Netzflügler (Neuroptera) bezeichnet.

Quiz mit Insektenordnungen

Ein Wandelndes Blatt auf dem Arm

 

 

 

 

 

 

 

Am Nachmittag werden die wichtigsten Insektenordnungen und ihre Merkmale drinnen vertiefend besprochen. Beim anschließenden Quiz werden unbeschriftete Fotos von Insekten sytematisch zugeteilt. Doch wie ein guter Zauberer hat sich Kurt für den Abschluss des Insektenmarathons einen ganz besonderen Höhepunkt aufbewahrt. Aus Kartons und Kisten lässt er lebende Individuen tropischer Rieseninsekten aus seiner Sammlung krabbeln, freiwillige TeilnehmerInnen können sich auch selbst als temporärer Ast für die Malaiische Riesengespenstschrecke oder Dschungelnymphe (Heteropteryx dilatata), die erst seit 1995 bekannte einzige Gespenstschreckenart ihrer Gattung Sungaya inexpectata und das Wandelnde Blatt (Phyllium sp.) zur Verfügung stellen – Gänsehaut garantiert!

Wir verlassen Fließ nach vier sonnen- und lehrreichen Tagen und sind wieder einmal dazu motiviert, in Zukunft noch genauer hinzuschauen und zu hören. Ein herzlicher Dank an den Naturpark Kaunergrat, den Gasthof Traube und an das Team vom Dorf-Cafe Fließ, außerdem allen ReferentInnen in diesem Modul für die reichhaltige Inspiration und den KursteilnehmerInnen für ihr Interesse und ihre Begeisterung.