Bunte Wiesen und vielfältige Kulturlandschaft – Tiroler Naturführer:innen Gruppe 2 im Naturpark Tiroler Lech
Der Naturpark Tiroler Lech hat nicht nur einen Wildfluss von internationaler Bedeutung zu bieten, sondern auch eine zumindest vielerorts arten- und strukturreich erhalten gebliebene Kulturlandschaft. Dazu mische man einen hervorragenden Wetterbericht, der Hochsommer im Frühsommer verspricht, eine hochmotivierte Gruppe und Top-Referent:innen – und schon könnte man von einer „gmahntn Wiesn“ für das dritte Modul (Lebensraum Wiese) der Tiroler Naturführer:innenausbildung sprechen. Bereits der erste Tag beginnt mit einer Kuriosität: Wir sind bezüglich Einwohner:innenzahl in der kleinsten Gemeinde Österreichs zu Gast, in der die Wiesen aufgrund der Höhenlage und extensiven Bewirtschaftung noch nicht gemäht sind. Gramais liegt in einem Seitental des Lechtals, eingenestet in eine dramatische alpine Landschaft mit schroffen Felswänden und tosenden Sturzbächen. Wir starten unsere kleine Kulturlandschafts-Wanderung mit Botaniker Jonas Geurden von der Universität Innsbruck bereits bei allerbesten Wetterbedingungen.
Bei botanischen Wanderungen ist es durchaus üblich, dass die Wegstrecken kurz und die Stopps häufig sind. Wir machen schon innerorts Halt am Straßenrand und setzen uns mit jenen ruderalen Pflanzen auseinander, die sich an aufgeschotterten Banketten mit Salzeinfluss durchsetzen. Kriechendes Fingerkraut und Einjähriges Rispengras fühlen sich hier pudelwohl. Wir lernen an dieser Stelle auch den kieselsäurehaltigen Acker-Schachtelhalm von seinen giftigen Verwandten zu unterscheiden. In der Nähe des kleinen Heimatmuseums unterhalb des Dorfes stoßen wir auf Pflanzen mit kulturgeschichtlicher Bedeutung. Von der Heilpflanze Beinwell gibt es Wild- und Zuchtformen, während der gerne auf Lägerfluren vorkommende Gute Heinrich früher ein wichtiges Wildgemüse für die Bewohner:innen der Alpen war. Für das seltene und geschützte Alpen-Berghähnlein machen wir einen kleinen Abstecher von unserer Runde, und die idyllische Quellflur gleich daneben mit Stern-Steinbrech, Kalk-Quellmoos und Buntem Schachtelhalm verdient auch Beachtung. Doch auch schon allein der Straßenrand gibt uns genug Themen für eine vertiefte botanische Beschäftigung. Die hochgiftige Herbstzeitlose und den noch giftigeren Gelben Eisenhut behandeln wir mit distanzierter Vorsicht, aber bei Arznei-Baldrian, Taubenkropf-Leimkraut und Wiesen-Kümmel darf wieder gerochen und gekostet werden. Weil man für eine Beschäftigung mit Grünland nicht nur auf bunte Blüten schauen darf, sondern auch um einige wichtige Arten von Süßgräsern und die dazu gehörigen Begriffe nicht herumkommt, werden die Lupen gezückt und Halm, Ligula, Blattnervatur, Knoten und Zwischenknoten inspiziert. So fällt etwas später die richtige Zuordnung von Glatt- und Goldhafer, Ruchgras, Aufrechter Trespe, Knäuelgras, Mittlerem Zittergras und Wiesen-Rispengras nicht mehr ganz so schwer – einzelne falsche Bestimmungen werden unter der wachsamen Aufsicht unserer Botanik-Enzyklopädie auf zwei Beinen berichtigt. In der gedüngten, aber noch nicht überdüngten Mähwiese am Talboden mischen sich Margerite, Rot-Klee und Frauenmantel unter die Gräser, welche den Hauptanteil der Biomasse und des Futterwerts ausmachen.
Mit nun schon differenzierterem Wiesenblick stoßen wir auf eine steile Mähwiese oberhalb der Straße, deren Artenzusammensetzung auf eine weniger intensive Bewirtschaftung hinweist – das ergibt sich schon aufgrund der schwierigen Befahrbarkeit. Der Kleine Wiesenknopf und die elegante Schwarzblaue Akelei deuten auf wenig Düngung hin. Dazu gesellen sich pflanzenmedizinisch geschätzte Heilpflanzen wie die Blutwurz, der Mittlere Wegerich und die Gemeine Schafgarbe. Diese Wiesen werden höchstens zweimal pro Jahr gemäht. Wir haben das Glück, sie Mitte Juni kurz vor dem ersten Schnitt in ihrer größten Blütenpracht zu erleben. So schön und artenreich könnten unsere heimischen Mähwiesen sein, wenn wir nur das Problem der Überdüngung in den Griff bekommen würden. Der Zottige Klappertopf, der auf Wiesengräsern parasitiert, ist ein so genannter Halbschmarotzer – die Sommerwurzen aus derselben Familie sind hingegen selbst gar nicht mehr zur Photosynthese fähig und zapfen stattdessen Schmetterlingsblütler an.
Auf den extensiv genutzten sonnenexponierten Wiesen sind auch Orchideen in großer Anzahl vertreten. Das Große Zweiblatt wirkt auf den ersten Blick unscheinbar, das Fuchs-Knabenkraut ist mit seinem rosa Blütenstand und den gefleckten Blättern schon auffälliger. Die Mücken-Händelwurz riecht genauso gut wie sie aussieht. All diese Arten haben winzig kleine Samen, die nur in Symbiose mit Pilzen zu keimen und das „Licht der Erde“ zu erblicken vermögen. An einer trockeneren Stelle probieren wir den Bestäubungsmechanismus des Wiesen-Salbeis aus und riechen am wilden Thymian. Mit Holundergeschichten schließen wir den botanischen Wiesentag in der Mitte des kleinen Ortes ab, und die Köpfe rauchen auf jeden Fall. Doch auch wenn nicht alle Arten auf Anhieb im Gedächtnis bleiben, eine Botschaft bleibt bestimmt hängen: extensiv bewirtschaftetes Kulturland im Alpenraum ist nicht nur Produktionsstätte, sondern zugleich auch wunderschöner und ausgesprochen artenreicher Lebensraum.
Am Abend mit dem Entomologen (Insektenkundler) Kurt Lechner, der mit Wolfgang Bacher seit vielen Jahren den Natopia Erlebnisunterricht zum Thema Insekten konzipiert und betreut, steht eine Einführung in die Welt der Sechsbeiner auf dem Programm. Ziel ist es, bei der Abendeinheit im Gemeindezentrum Elmen genügend Grundverständnis zu vermitteln, um am nächsten Tag bei der Exkursion an den Lech darauf aufbauen zu können und Insekten auch eigenständig beobachten und erforschen zu können. Insekten, die seit etwa 400 Millionen Jahren die Erde bewohnen, beeindrucken schon allein durch ihre Formen- und Artenvielfalt. Fast eine Million Insektenarten wurden bisher beschrieben (die wahre Artenvielfalt liegt mindestens um ein Vielfaches höher), damit verkörpern sie 60 Prozent des tierischen Artenreichtums. In Österreich gibt es etwa 37.000 Arten, mehr als im angrenzenden und flächenmäßig viel größeren Deutschland. Den Löwenanteil der Vielfalt stellen die Ordnungen der Käfer, Schmetterlinge, Hautflügler und Zweiflügler, wobei es besonders bei letzteren beiden Gruppen noch große Wissenslücken gibt. Anscheinend beschäftigen sich auch Wissenschaftler:innen lieber mit Schmetterlingen als mit Mücken! Jedes Jahr werden weltweit mehrere tausend Insektenarten neu beschrieben. Die traurige Seite der Vielfalt ist, dass jährlich im Zuge des anthropogenen („menschgemachten“) Massenaussterbens eine noch viel größere Zahl an Insekten für immer verschwindet. 40 Prozent aller Insektenarten sind laut einer australischen Metastudie vom Aussterben bedroht, und der Rückgang in den Populationsgrößen ist noch erschreckender. Viel internationale mediale Aufmerksamkeit hat die sogenannte „Krefeld-Studie“ erhalten, welche auf Biomasseaufnahmen fliegender Insekten in Schutzgebieten (!) über fast drei Jahrzehnte aufbaut. Die Biomasse fliegender Insekten hat im Beobachtungszeitraum um 76-81 Prozent abgenommen! Diese und andere Veröffentlichungen und Kampagnen haben dazu geführt, dass nach dem Klimawandel nun auch der weltweite Lebensraumverlust und das globale Artensterben langsam in den Fokus der öffentlichen Aufmerksamkeit rutschen. Nicht nur für Insektenfreund:innen, sondern für alle Menschen hat diese Entwicklung viel Gewicht. Insekten verarbeiten organisches Material, bestäuben 90 Prozent der Blütenpflanzen, sind an vielen Stellen in die Nahrungsnetze eingebunden und damit wichtige ökologische Regulatoren. Im Anschluss an die allgemeine Einführung werden die wichtigsten Ordnungen von Insekten kurz angesprochen, bevor der allgemeine Körperbau dieser Tiergruppe behandelt wird: der dreigeteilte Körper mit sechs Beinen am Brustteil (Thorax), die zeitlich hochauflösenden Facettenaugen (bestehend aus bis zu jeweils 30.000 Einzelaugen bei manchen Großlibellen), die Stigmen genannten seitlichen Öffnungen des Tracheensystems zur Atmung, das Exoskelett (Panzer unter anderem aus Chitin), um nur einige Grundmerkmale zu nennen. Gegen Ende des Abends gelingt es Kurt, die langsam eintretende Müdigkeit mit großartigen Präparaten heimischer und tropischer Insektenarten – von winzig klein bis riesengroß – nochmal zu vertreiben.
Den Großteil des darauffolgenden Tages verbringen wir in Forchach, wo wir auch Gelegenheit haben, die im Zuge eines großen Renaturierungsprojekts durchgeführte Flussbettaufweitung von 2020 zu begutachten und die neu gebaute Hängebrücke zu beschreiten. Nun ist hier die wichtige Verbindung zweier vormals durch einen „Flaschenhals“ voneinander abgetrennten Wildfluss-Abschnitte bei Forchach und Weißenbach ersichtlich – Flussuferläufer und Flussregenpfeifer freuen sich. Beim Luambachl schlagen wir unser kleines Forschungslager im Schatten auf. Kescher, Becherlupen und Sammelgefäße erleichtern den gezielten Fang fliegender und krabbelnder Insekten. Die Natopia-Bestimmungsplane und Bestimmungsliteratur ermöglichen die Einordnung in systematische Gruppen. Baldrian-Scheckenfalter und Tintenfleck sind mit Kurts Hilfe schnell auf Artniveau bestimmt, bei Dickkopffalter, Zünsler und Federmotte belassen wir es auf höheren systematischen Ebenen. Die Blaue Federlibelle läutet schon früh den Reigen dieser alten Insektenordnung ein, und mit der Frühen Adonislibelle sowie der Hufeisen-Azurjungfer gesellen sich zwei weitere schmucke Kleinlibellenarten dazu. Verschiedene Schwebfliegen und der Wollschweber repräsentieren die artenreiche und vergleichsweise wenig erforschte Ordnung der Zweiflügler. Mit dem bunt gezeichneten Kiesbank-Grashüpfer stoßen wir auf eine der seltenen und bedrohten Arten, die nur in dynamischen Wildfluss-Lebensräumen überleben können. Kurz darauf erspähen wir sogar die hervorragend getarnte Gefleckte Schnarrschrecke.
Obwohl wir uns beim Luambachl am Rand des Rotföhren-Trockenauwalds in erster Linie mit Bestimmungsübungen und der Besprechung einzelner Arten beschäftigen, kommt Kurt um ein kurzes Plädoyer zum Thema Landwirtschaft nicht herum. Als Insektenfreund seit Kindheitstagen hat er das schleichende Artensterben und den dramatischen Rückgang der Populationen selbst miterlebt. Der Verlust an Strukturelementen in der Landschaft, der Rückgang der Pflanzenvielfalt durch Überdüngung und intensive Nutzung (u.a. zu häufige Mahd) sowie der verbreitete Einsatz von Pestiziden haben deutliche Spuren hinterlassen. Vereinzelte Blühstreifen in Vorgärten werden dieses gesellschaftliche Problem nicht lösen können, daher führt laut Kurt kein Weg an einer groß angelegten Agrarreform vorbei. Auch den im Trend stehenden Saatmischungen für Bienen und Schmetterlinge steht unser Insektenexperte skeptisch gegenüber, da meist standortfremdes Saatgut mit wenig passenden Arten zum Einsatz kommt. Außerdem brauchen selten gewordene Schmetterlingsarten ja nicht nur Nektar, sondern sind als Raupe oft an eine spezifische Futterpflanze gebunden. Unterdessen drehen die befüllten Sammelgefäße und Becherlupen die Runde und sorgen für große Augen, während die Ohren für Kurts Hintergrundwissen offenstehen und Zusatzinformationen aufsaugen.
Auf dem Weg in die Trockenau zwingt uns die Deutsche Tamariske, durch ihre Spezialisierung auf die Wildfluss-Dynamik eine botanische Rarität im Alpenraum, zu einem kurzen Exkurs ins Pflanzenreich. Auch an der Orchideenvielfalt im Schneeheide-Rotföhrenwald können wir nicht einfach so vorbeilaufen. Ein Höhepunkt ist hier die Blüte der Fliegen-Ragwurz, einer so genannten Insektentäuschblume, die mit Form, Farbe und Geruch vor allem Wespen anlockt, ohne im Gegenzug Nektar anzubieten. Die Weiße Waldhyazinthe gleich daneben betört mit ihrem Geruch und fällt mit ihrem langen Blütensporn auf.Auf dem Rückweg zur Hängebrücke kommen wir diesmal beim flachen Quellgewässer am Wegesrand nicht so einfach vorbei, auf den ersten Blick schon zeichnet sich Libellenvielfalt ab. Plattbauch und Südlicher sowie Kleiner Blaupfeil sind auffällige Großlibellen. Mit dem Thymian-Ameisenbläuling fliegt uns ein seltener Schmetterling mit einem außergewöhnlichen Lebenszyklus ins Netz.
Während der Nachmittagsstunden ziehen wir uns nach stärkender Pause nochmals in den Elmener Gemeindesaal zurück mit dem Vorhaben, die Kerninhalte nochmals zu festigen. Kurt vermittelt in einer Präsentation den Überblick über die wichtigsten heimischen Insektenordnungen und deren anatomischer Unterscheidungsmerkmale, damit die Wanze auch Wanze bleibt und nicht zum „Stinkkäfer“ oder „Feuerkäfer“ wird. Mittels heimischer und exotischer Präparate wird die Bestimmung auf Ordnungsniveau geübt. Für große Augen und etwas Nervenkitzel sorgen die lebenden Exemplare tropischer Gespenst- und Stabschrecken, mit denen die Kursteilnehmer:innen auf Tuchfühlung gehen können. Diese gehören zu den größten Insektenarten weltweit, wodurch auch der allgemeine Körperbauplan der mannigfaltigen Sechsbeiner besonders gut ersichtlich ist. Ob Insekten nun wirklich die heimlichen „Herrscher der Erde“ sind oder nicht, uns haben sie mit ihrer Formen- und Farbenvielfalt jedenfalls ganz in ihren Bann gezogen!
Vor dem Abendessen sind wir noch im neuen Naturparkzentrum zu Gast, welches die spannende Dauerausstellung „Der Letzte Wilde“ beherbergt. Nora Schneider, Geschäftsführerin des Naturparks Tiroler Lech erzählt von den naturkundlichen Besonderheiten ihres Einsatzgebiets und stellt einige der Schwerpunkte der Naturparkarbeit vor.
Am Samstagmorgen sind wir bei der Hammerschmiede in Vils mit der Biologin Caroline Winklmair verabredet, ihres Zeichens Schutzgebietsbetreuerin im Lechtal und eine der Biberbeauftragten des Landes Tirol. Sie nimmt uns mit auf eine spannende Tour durch „ihr“ Biberrevier – kurioserweise genau jenes Gebiet, in dem vor gut 200 Jahren der letzte Biber Tirols erlegt wurde. Den vielfältigen Ursachen für die Ausrottung wollen wir im Verlauf der Führung nachgehen. Seit wenigen Jahrzehnten erlebt der Biber entlang der Tiroler Wasserläufe ein grandioses Comeback. Bevor wir in den vom Biber landschaftlich deutlich umgestalteten Bereich an der renaturierten Vils kommen, beobachten wir zum Vergleich einen schneller fließenden, weniger strukturreichen Flussabschnitt. Daraufhin werden wir Schritt für Schritt tiefer in die Welt des Bibers eingeführt, begleitet von den Zeichen am Weg, für die uns Caroline sensibilisiert. Nach den keil- und kegelförmigen Nagespuren an gefällten Ufergehölzen erreichen wir einen so genannten Nebendamm, der dem Biber hilft, Nahrungsquellen besser und sicherer zu erschließen, ohne sich je weit vom Wasser weg bewegen zu müssen. Viele Studien deuten auf einen allgemein positiven Einfluss der Bibertätigkeit auf die Biodiversität hin. Auch wir Menschen hätten grundsätzlich das biologische Potenzial, als Lebensraumgestalter und -pfleger eine ähnliche Rolle auf diesem Planeten einzunehmen (wie die wunderschönen Bergmähder in Gramais eindrucksvoll bewiesen haben) – noch sind wir von diesem ehrgeizigen Ziel allerdings Lichtjahre entfernt. Wir beschäftigen uns anhand verschiedener Präparate mit den Besonderheiten von Gebiss und Fell des ganzjährig aktiven Pflanzenfressers und erfahren Interessantes über Nahrungsaufnahme und Revierverhalten.
Wir verlassen den Weg und erkunden weglos im Gänsemarsch die wüchsige Au. Hier ist durch ein groß angelegtes Renaturierungsprojekt in Kooperation mit einigen sehr engagierten Bibern ein artenreicher Lebensraum entstanden, der zugleich als Hochwasserschutz dient. Eine Gerandete Jagdspinne trägt einen kugelrunden Eikokon mit sich herum. Im Flachwasser tummeln sich unzählige winzig kleine Grasfrösche und kleine Fische. In der Luft überall Libellen, und hoch am Himmel ziehen zwei Graureiher vorbei. Wir entdecken auch einige beeindruckende Exemplare des gigantischen Riesen-Bärenklaus, die uns zur Vorsicht bei der Bewegung durch die hohen Stauden mahnen – sein phototoxisches Gift verursacht schwere Hautschäden! Wo die Gewässertiefe unter natürlichen Bedingungen den Ansprüchen des Bibers bezüglich seiner Wohnsituation nicht gerecht wird, hilft er mit dem Hauptdamm nach. Unsere Tour gipfelt am Mittelbau, wo wir Interessantes über die Bauten und Familienstruktur des Bibers erfahren. Caroline ist überzeugt, dass durch Aufklärung in der Bevölkerung viele Biber-Vorurteile ausgeräumt werden können und so mancher wahrgenommene Interessenskonflikt dadurch im Keim erstickt werden kann.
Im Bereich des Keltischen Baumkreises, wo wir umgeben von der beeindruckenden Blütenvielfalt der Magerwiese im Schatten der Bäume die Mittagspause genießen, treffen wir am Nachmittag den pensionierten Biologielehrer und Natopia-Urgestein Hubert Salzburger. Er hat neben dem Imkern, Gärtnern und der Naturkunde im Allgemeinen eine besondere Leidenschaft für die Makrofotografie von Blüten und deren Besuchern. Später werden wir noch tiefer in diese faszinierende Welt eintauchen, aber vorher wollen wir noch kurz mit Hubert in der artenreichen Magerwiese zwischen den Bäumen aus dem Vollen schöpfen. Er hat zu beinahe jeder Art Geschichten auf Lager, von der Namensherkunft und Mythologie über Verwendung oder Giftigkeit bis hin zu ökologischen Besonderheiten. Gleich zu Beginn des Spaziergangs bekommen wir mit der gerade aufblühenden Türkenbundlilie und der Großen Sterndolde zwei Schönheiten präsentiert. Die Orchideen Mücken-Händelwurz und Fuchs-Fingerwurz bieten rosa Akzente und spannende Hintergrundgeschichten. Wiesen-Witwenblume, Knäuel-Glockenblume und Wiesen-Flockenblume leiten auf lila und violett über.
Die ultimative Beweisführung für die Co-Evolution von Blütenpflanzen und Insekten tritt Hubert dann im Gemeindesaal mit einer Präsentation seiner beeindruckenden Makroaufnahmen von Blüten und deren Funktionsweisen an. Viele der Bilder, die fast aus einer anderen Welt zu kommen scheinen, sind in Huberts überschaubarem Garten entstanden, und einige Kurzvideos zeigen seine Bienen und andere fleißige Insekten bei der Arbeit – oder ist es doch Vergnügen? Es ist aber nicht nur die ästhetische Schönheit, die ihn zu dieser Beschäftigung bringt, sondern auch das Studium und Verständnis der faszinierenden Wechselbeziehungen zwischen Blütenpflanzen und ihren Bestäubern. Viele denken beim Thema Bestäubung sofort und ausschließlich an die Honigbiene. Oft wird dabei vergessen, dass eine Vielzahl von Insektengruppen diese ökologische Funktion übernimmt: Wildbienen (mehr als 600 Arten in Österreich!), Schmetterlinge, Fliegen, Wespen, Ameisen und Käfer sind an jeweils unterschiedliche Blütenformen angepasst. Die Form eines bestimmten Blütentyps erlaubt also Rückschlüsse auf die Anatomie und das Verhalten der jeweiligen Bestäuber. Für die auffälligen und großen Scheibenblüten verwendet Hubert gerne die Metapher des Fast-Food-Restaurants, während manche Röhrenblüten einen viel exklusiveren Zutrittscode haben und nur von bestimmten Schmetterlingsarten bestäubt werden. Auch Schalenblüten, Lippenblüten, Glockenblüten und Stieltellerblüten haben jeweils Vor- und Nachteile und komplexe mutualistische Beziehungen mit ihren Bestäubern. Doch nicht immer muss die Interaktion von beiden Parteien gewollt sein: Wir erfahren vom „Insekten-Kidnapping“ des Frauenschuhs und dem „Nektardiebstahl“ durch bissige Hummeln.
Am Sonntag haben wir mit der Pflacher Au einen wassergeprägten Lebensraum als Exkursionsgebiet auf dem Programm. Die Biologin Silvia Hirsch hat in ihrer Laufbahn zwischen Pädagogischer Akademie und Innsbrucker Alpenzoo genug Praxiserfahrung sowohl mit Vermittlung als auch mit Tieren gesammelt, um der Gruppe einen niederschwelligen Einstieg in die faszinierende Vogelwelt zu bieten. Der Treffpunkt im Schatten des 18 Meter hohen Vogelbeobachtungsturms ist angesichts der Hitze gut gewählt. Die Erstannäherung an die Vögel erfolgt über ihre Stimmen. Neben den vor allem für das Frühjahr typischen Gesängen zur Partnerfindung und Revierabgrenzung sind ganzjährig artspezifische Warnrufe zu hören. Da unser Gehirn dazu verleitet ist, ungefährlich klingende Hintergrundgeräusche einfach auszublenden, erinnern wir uns bewusst daran, die Lauscher weit aufzusperren. Vogelkundler:innen wissen sich mit Merksätzen und Vergleichen zu helfen, um im Stimmenwirrwarr den Überblick zu behalten. Vom „würzigen Bier“ des Buchfinks und der „melodischen Turbo-Amsel“ Mönchsgrasmücke über die „Wiederholungstäterin“ Singdrossel bis hin zu Vögeln, die ihren eigenen Namen singen (Zilpzalp, Kuckuck, Uhu), reicht die Palette der Eselsbrücken. Regionale Dialekte, die es auch in der Vogelwelt gibt, machen die Auseinandersetzung noch interessanter.
Für eine Beobachtungsaufgabe suchen sich die Kursteilnehmer:innen – mit Fernglas und einem Arbeitsblatt ausgestattet – einen passenden Platz im Feuchtgebiet. Ziel ist es, nur durch aufmerksame Beobachtung so viele Eigenschaften wie möglich einer Vogelart zu sammeln, ohne deren Namen zu kennen. Bei der Besprechung kommen gleich vier typische Arten des Feuchtgebiets zur Sprache. Mehrere Graureiher in einem Sitzbaum, schwimmende Reiherenten mit typischem Schopf, das unverwechselbar gezeichnete Blässhuhn und der niedliche Zwergtaucher erleichtern durch ihre Größe die Beobachtung der wichtigen Merkmale. Die Präzision der Beschreibungen ermöglicht es der Referentin, die jeweiligen Arten bereits während der Beschreibung nachzuschlagen, noch bevor Namen fallen. Auch die kleineren Arten Blaumeise und Mönchsgrasmücke haben ihren aufmerksamen Beobachter:innen die entscheidenden Erkennungsmerkmale in Bild und Ton offenbart. Vom Vogelbeobachtungsturm aus verschaffen wir uns einen Überblick über das Feuchtgebiet, das vor Leben nur so strotzt. Die Wasserflächen sind umgeben von Schilfrohr- und Rohrkolbenbeständen und teilweise von Seerosen bedeckt. Zum Abschluss des ornithologischen Vormittags werden an den Schotterbänken des Lech nochmal die Ferngläser gezückt. Naturpark-Mitarbeiterin Kathrin Hüffmeir, die wir heuer glücklicherweise zum Nachholen von Modul 3 für die Tage am Lech in unsere Gruppe aufnehmen durften, führt uns achtsam und fachkundig zu „ihren“ Flussregenpfeifern und Flussuferläufern – und beschreibt so lange mit viel Geduld deren genaue Aufenthaltsorte, bis sie auch wirklich alle durch das Fernglas erspähen.
Die Beobachtung von Säugetieren in freier Wildbahn gestaltet sich noch schwieriger als bei Vögeln, besonders in Gruppensituationen. Erstens haben die meisten Arten ihren Aktivitätshöhepunkt in der Dämmerung und der Nacht, und zusätzlich sind sie oft auch noch scheu, haben hervorragende Sinnesorgane und nehmen uns meist lange wahr, bevor wir die Chance auf Beobachtung haben. Über das Studium von Trittsiegeln und Fährten können wir allerdings auch scheue Tiere mitten in unsere Naturführungen hereinholen, ohne sie direkt zu Gesicht zu bekommen. Wie intensiv die Pflacher Au als Naherholungsgebiet genutzt wird, zeigen die zahlreichen Spuren der aufrecht gehenden Zweibeiner und ihrer vierbeinigen besten Freunde. Bei unserer Suche quer durchs Augebiet spielen allerdings die Fraßspuren und Hinterlassenschaften kleinerer Tiere die Hauptrolle.
Wir stoßen auf die sogenannten Ananasgallen der Fichtengallenlaus, die kunstvoll anmutenden Gänge von Minierfliegen und -motten und die Fraßspuren von Schnecken und Blattkäfern. Auf verschiedenen Weidenarten haben wir bereits am Vortag in der Vilser Au die Puppenhäute des Gefleckten Weidenblattkäfers ausgemacht. Vor allem die Zweige der Roten Heckenkirsche sind mit Wollläusen übersät. Die „Schaumparty“ veranstaltenden Larven der Wiesen-Schaumzikade sind uns bereits in Gramais öfters aufgefallen. Am Boden finden wir von Eichhörnchen und Mäusen abgenagte Fichtenzapfen. Die Fraßspuren von verschiedenen Borkenkäfern sind zwar wunderschön anzuschauen, dürften aber bei Forstleuten und Waldbesitzer:innen keine Begeisterungsstürme auslösen. Auch der Biber hat wieder beeindruckende Nagespuren im Gelände hinterlassen – fast kein Baum ist ihm zu dick! Außerdem finden wir die Exuvien großer Steinfliegenarten am Lechufer – und leider auch einige nicht biologisch abbaubare Hinterlassenschaften von Homo (mehr oder weniger) sapiens. Wir lassen den Tag wieder im Schatten des Vogelbeobachtungsturms ausklingen mit den Präparaten und Anschauungsmaterialien zu Vögeln und Säugetieren, die Silvia im Kofferraum aus dem Alpenzoo mitgebracht hat.
Wir blicken dankbar zurück auf vier inhalts- und erlebnisreiche Tage im Naturpark Tiroler Lech mit vielen tollen Sichtungen, und mit Vorfreude nach vorne in Richtung Gebirgsmodul im Nationalpark Hohe Tauern. Was diese beiden heute nicht mehr wegzudenkenden Schutzgebiete gemeinsam haben, ist eine Gründungsgeschichte, die direkt aus dem Widerstand gegen Großprojekte der Wasserkraft-Industrie hervorgegangen ist – Krise als Chance!



































